DAK-Gesundheitsreport 2009
Leistungsdruck führt immer öfter zu Doping am Arbeitsplatz
Bereits ein bis zwei Prozent der aktiv Erwerbstätigen in Deutschland greifen zu Medikamenten, um mit dem Stress klarzukommen und ihre berufliche Leistungsfähigkeit zu steigern, so der DAK-Gesundheitsreport 2009. Führungskräfte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit sollten deshalb die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die möglichen Gefahren des Medikamentenmissbrauchs informieren und zu natürlichen Möglichkeiten des Stressabbaus raten.
Bis zu zwei Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland nehmen bereits Medikamente, um sich den Anforderungen im Job gewachsen zu fühlen.
Doping gibt es nicht nur im Sport
Leistungsdruck, Erfolgszwang und hohe Erwartungen können nicht nur zu Dopingfällen im Profisport führen. Doping findet auch in den Büros statt. Der DAK-Gesundheitsreport 2009 geht auf Basis einer Bevölkerungsumfrage unter rund 3.000 Beschäftigten im Alter von 20 bis 50 Jahren davon aus, dass bereits etwa zwei Millionen aktiv Erwerbstätige in Deutschland Arzneimittel eingenommen haben, um ihren Arbeitsalltag trotz wachsendem Stress besser durchstehen zu können. 800.000 Beschäftigte tun dies regelmäßig. Die Ursachen sehen Experten in der modernen Arbeitswelt selbst.
Einsatzbereitschaft ist gefragt
So macht die Kommunikations- und Informationstechnik zum Beispiel das mobile Büro möglich und erhöht so die Flexibilität, auch fern vom Schreibtisch die anstehenden Aufgaben zu erledigen. Geschäftliche E-Mails können auch nach Feierabend beantwortet und wichtige Dokumente im Urlaub erstellt werden. Ein klassischer Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung ist dadurch immer seltener möglich. Die Folge: Aufmerksamkeit, Kreativität und Erinnerungsvermögen müssen zunehmend auf einem hohen Niveau gehalten werden, um den beruflichen Anforderungen fast rund um die Uhr entsprechen zu können. Der Stress steigt.
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Konkurrenzdenken kann gefährlich werden
Eine wirtschaftlich schwierige Lage kann zudem das Konkurrenzdenken verstärken, also den Wunsch vergrößern, besser, schneller und effektiver als die Kollegen zu sein. Auch Perfektionisten mit zu hohen Ansprüchen an sich selbst und an ihre Umwelt belasten ihre psychische Gesundheit. Betroffene versuchen dann mitunter einen scheinbaren Ausgleich durch stimulierende Medikamente und andere Suchtmittel zu erlangen. Nervosität, Ermüdung und Leistungsabfall sollen so kompensiert werden. Ohne gezielte Unterstützung landen diese Betroffenen dann vielleicht in der Dopingfalle.
Medikamente als falsch verstandene Therapie
Arzneimittel, die zur Therapie von Alzheimer, von Depressionen, von Aufmerksamkeits- oder Schlafstörungen zugelassen sind, werden teils systematisch von an sich Gesunden eingenommen. Sie wollen dadurch ihre Konzentration und Merkfähigkeit steigern, ihre Stimmung anheben und besser gegen die Stressbelastungen gewappnet sein. Die Einnahme bestimmter Medikamente erfolgt dabei oftmals ganz gezielt.
Wie die aktuelle Studie der DAK ergab, ist es über 43 Prozent der Befragten bekannt, dass Medikamente zur Therapie von Alzheimer oder Depressionen auch bei Gesunden wirken, rund 20 Prozent halten die Risiken im Vergleich zu dem Nutzen für vertretbar. Über 21 Prozent der Befragungsteilnehmer gaben sogar an, bereits Empfehlungen für Arzneimitteln zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit oder Stimmung erhalten zu haben, in den meisten Fällen aus dem Kollegenkreis oder durch die eigene Familie, häufig jedoch auch durch Ärzte.
Nicht nur aus dem Internet oder bei Stress
Die DAK-Studie zu Doping am Arbeitsplatz räumt mit verschiedenen Vermutungen auf: So sind es nicht etwa die anonym wirkenden Internetapotheken (12,2 Prozent der Antworten), die als häufigste Bezugsquelle für rezeptfreie Dopingmittel genannt werden, sondern die Standortapotheke (32,9 Prozent). Und es sind nicht nur die Beschäftigten für Dopingmittel zugänglich, die sich als stressgeplagt empfinden. 23,6 Prozent der Befragten, die ihre Arbeit für überwiegend angenehm und gut zu schaffen bezeichnen, halten die Medikamenteneinnahme für ein vertretbares Mittel, um das Gedächtnis und die Konzentration im Beruf zu steigern. Bei den Stressgeplagten sind es mit 29 Prozent nur wenig mehr.
Aufklären und Alternativen anbieten
Führungskräfte und Arbeitsschützer sollten diese Studienergebnisse zum Anlass nehmen, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die Risiken des Medikamentenmissbrauchs zu informieren. Zudem sollten alternative Maßnahmen zur Stressbewältigung und zur Steigerung der geistigen Fitness empfohlen und angeboten werden. Dazu gehören
- Schulungen zum gesunden Stressmanagement,
- Entspannungstrainings,
- Sportkurse und
- Tipps für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit (Work-Life-Balance).
Nicht zuletzt dürfen auch die Führungskräfte selbst nicht vergessen werden, damit sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen können und die eigene Leistungsbereitschaft natürlich erhalten, zum Beispiel dadurch, dass sie ihr mobiles Büro namens Smartphone auch einmal in die Schreibtischschublade schließen.
Der Autor Oliver Schonschek ist Diplom-Physiker und Fachjournalist





