Medikamentenmissbrauch
Gründe für Präsentismus und Doping am Arbeitsplatz
Die Wirkung der Medikamente, die zur Leistungssteigerung eingesetzt werden, ist nicht unumstritten. Denn sie werden an Gesunden nicht getestet. Die Nebenwirkungen allerdings sind erheblich.
Doping ist nicht nur im Spitzensport üblich, sondern immer häufiger auch im Alltag
Arbeitsmediziner teilen die Doping-Mittel, die am Arbeitsplatz zum Einsatz kommen, in zwei Kategorien ein:
- Medikamente, die die kognitiven Fähigkeiten erweitern (Denk- und Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit, Entscheiden, Planen, Probleme lösen). Hierzu gehören Medikamente gegen Aufmerksamkeitsstörungen, Müdigkeit oder Alzheimer-Demenz
- Medikamente, die das psychische Wohlbefinden verbessern (wirken Unsicherheit, Schüchternheit, Unwohlsein u.a. entgegen). Hierzu gehören Medikamente gegen Angststörungen und Depression sowie Betablocker.
Wie der DAK-Report berichtet, werden die Mittel häufig bei Diagnosen verschrieben, die über den Zulassungsbereich des Medikaments hinausgehen (sogenannter „off-label-use“). So wurde laut DAK-Report der Wirkstoff Piracetam, der die Symptome bei Demenz-Kranken lindern soll, im Zeitraum von 2005 bis 2007 nur in 2,7 % der Fälle auf die Diagnose Demenz hin verschrieben. 83 % der Patienten erhielten das Mittel aufgrund zulassungsüberschreitender Diagnosen. Zu 17,7 % bekamen das Mittel beispielsweise Patienten mit Depressionen.
Die Experten schränken im Report zwar ein, dass die Breite der Beschwerden, für die Piracetam verschrieben wird (beispielsweise auch Bluthochdruck und Tinnitus), nahelegt, dass das Mittel häufig begleitend eingesetzt wird. Die verhältnismäßig hohe Zahl der Verordnungen von Piracetam ohne Diagnose liefere jedoch einen indirekten Hinweis darauf, dass das Medikament in diesen Fällen als sogenannter „cognitive enhancer“, also zur Steigerung der Leistungsfähigkeit des Gehirns, verschrieben wird.
Die Wirkung der Medikamente ist jedoch nicht belegt, da die Mittel – auch aus ethischen Gründen – an Gesunden nicht getestet werden. Das heißt auch, dass über Nebenwirkungen, die die Mittel langfristig entfalten, wenn sie von Gesunden eingenommen werden, nur wenige Erkenntnisse gesichert sind.
Doping am Arbeitsplatz stützt eine fatale Arbeitsphilosophie: Wer bewusst Medikamente nimmt, um am Arbeitsplatz besser zu „funktionieren“, hat ja bereits in Kauf genommen, dass er den Job mit den Fähigkeiten, die er mitbringt, nicht bewältigt. Die Tatsache, dass es mit Medikamenten besser geht, bestätigt das vermeintliche Defizit, setzt den Betroffenen weiter unter Druck und verstärkt die Defizit-Spirale. So geraten die Betroffenen in psychische Abhängigkeit von den Medikamenten, deren Wirkung häufig langfristig abnimmt, und leiden überdies unter den Nebenwirkungen.
Da ein Medikamentenmissbrauch im Betrieb nur schwer zu erkennen ist, können Sie als Sicherheitsfachkraft am besten helfen, indem Sie über die Gefahren aufklären und Gesprächsbereitschaft signalisieren: Schaffen Sie ein Bewusstsein für die Schattenseiten von Psychopharmaka, appellieren Sie an das Gesundheitsbewusstsein Ihrer Kollegen und machen Sie deutlich, dass Medikamente immer nur das Symptom bekämpfen, aber nicht die Ursache der Probleme beheben (siehe Mitarbeiterinfo). Sorgen Sie gemeinsam mit dem Betriebsrat für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, die betroffene Kollegen und ihre Abteilungen dabei unterstützt, den Druck am Arbeitsplatz zu verringern.
Motivationen für Kollegen, ihre Arbeitsfähigkeit durch Medikamente zu erhöhen, sind:- Leistungsdruck
- Überforderung
- Angst, mit dem Alltag nicht mehr fertig zu werden
- fehlendes Bewusstsein für die Grenzen von geistiger und körperlicher Beanspruchung
- geringes Körperbewusstsein, Ignorieren von Erschöpfungssignalen
Ursachen für Präsentismus und Doping
Arbeitnehmer haben viele Gründe, eine Krankheit zu ignorieren und in die Arbeit zu gehen, obwohl ihr Gesundheitszustand dagegen spricht – und notfalls mit Medikamenten etwas nachzuhelfen. Der radikale Wandel in der Arbeitswelt trägt dazu bei, dass sich Arbeitnehmer nicht mehr die Zeit nehmen, eine Krankheit auszukurieren. Prekäre Arbeitsverhältnisse, befristete Verträge, die außerhalb von Tarifvereinbarungen abgeschlossen werden, projektbezogene Anstellungen und der großflächige Einsatz von Leiharbeitern verstärken die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren.
Wer monatliche Fixkosten hat, die das Einkommen knapp deckt, kann es sich nicht leisten, den Arbeitsplatz aufs Spiel zu setzen. Die fortschreitende Deregulierung des Arbeitsmarkts sorgt zudem dafür, dass Unsicherheiten von den Management-Ebenen des Betriebs auf die Ebene der Arbeitnehmer weitergegeben werden. Die Abteilungen sollen selbst Kosten sparen, andererseits können personelle Engpässe aufgrund von Einstellungsstopps nicht mehr aufgefangen werden. Wer bei Krankheit zu Hause bleibt, schadet also direkt seinen Kollegen, die die Arbeit zusätzlich übernehmen müssen.
Steigende Anforderungen am Arbeitsplatz und Rücksicht auf die Kollegen sorgen dafür, dass Arbeitnehmer trotz Krankheit in den Betrieb gehen.
Stress entsteht auch durch die Widersprüchlichkeit der Anforderungen: Die Mitarbeiter sollen einerseits ihre Aufgaben selbstverantwortlich lösen und Entscheidungen treffen, haben aber beispielsweise Budgets zur Verfügung, die zu klein sind, als dass sich die Aufgabe nachhaltig und zufriedenstellend lösen ließe. Parallel dazu sind die Abteilungen regelmäßig von Entlassungswellen bedroht, die die Mitarbeiter oft unvorbereitet treffen – und unabhängig vom Einsatz oder Verdienst, den der einzelne Kollege für das Unternehmen geleistet hat.
Auch das Betriebsklima wird angesichts von Kündigungswellen und der angespannten wirtschaftlichen Lage stetig schlechter. In einer solchen Situation liegt der Griff zur aufmunternden Pille nahe, um Überblick, Motivation, Einsatzfreude und gute Laune zu behalten – oder um schlicht durchzuhalten. Dabei schrecken heute noch viele vor den Nebenwirkungen der Medikamente zurück. Die DAK-Zahlen lassen jedoch vermuten, dass mit dem Sinken der Nebenwirkungen die Verbreitung der Psychopharmaka weiter steigt.
Dieser Textauszug stammt aus "Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz im Büro". Jetzt 14 Tage unverbindlich testen.
Dorothee Chlumsky, Fachautorin






