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Doping am Arbeitsplatz

Präsentismus gefährdet die Gesundheit

In Zeiten ansteckender Viruskrankheiten wie der neuen Grippe (H1N1) liegen die unmittelbaren Folgen des Präsentismus auf der Hand: Wer in die Arbeit geht, obwohl er mit einer ansteckenden Krankheit infiziert ist, die sich am Arbeitsplatz leicht verbreitet, nimmt in Kauf, Kollegen anzustecken.

Wer krank zur Arbeit geht, erhöht das Risiko, chronisch krank zu werden (Quelle: Andreas Morlok, pixelio)

Wer krank zur Arbeit geht, erhöht das Risiko, chronisch krank zu werden (Quelle: Andreas Morlok, pixelio)

Bei den üblichen saisonalen Erkältungskrankheiten ist das weniger schlimm, da die Symptome meist harmlos sind und die Erkältung schnell abklingt. Bei schwereren Krankheiten wie der Schweinegrippe sind die Maßstäbe jedoch andere.

Bei Risikogruppen wie Schwangeren oder Menschen mit Stoffwechselerkrankungen ist die Gefahr erhöht, dass die Krankheit schwer verläuft. Angesichts der schnellen Verbreitung der Grippe sollte daher möglichst vermieden werden, dass andere Personen erkranken. Aber nicht nur die Gefahr schwerer Verläufe ist der Grund dafür, dass Kranke zu Hause bleiben sollen, um Kollegen nicht anzustecken. Im Falle einer Pandemie ist eine der wichtigsten Gegenmaßnahmen, die Infektionskette zu unterbrechen. Ziel der nationalen Gesundheitsexperten ist es, die Verbreitung der pandemischen Erkrankung zu verlangsamen, damit die Forschung mehr Zeit gewinnt, den Krankheitserreger zu analysieren und, falls möglich, Impfstoff herzustellen.

Als Sicherheitsfachkraft sollten Sie daher auf Ihre Kollegen einwirken, sich zu Hause auszukurieren, falls sie eine ansteckende Krankheit „erwischt“ hat. Damit schützen sie nicht nur sich selbst und andere, sondern auch deren Familien und Kinder, die ja die Erreger wiederum in Kindergarten und Schule mitnehmen und dort verbreiten.

Wer krank ist, soll zu Hause bleiben: Das schont die eigene Gesundheit und die Unternehmenskasse.

Bei chronischen Krankheiten sind die gesundheitlichen Folgen von Präsentismus ebenso ernst. Wer unter chronischen Rückenschmerzen oder anderen wiederkehrenden Beeinträchtigungen leidet – beispielsweise Migräne oder psychische Probleme wie Depressionen oder Ängste –, hat häufig sogar noch größeren Druck, regelmäßig am Arbeitsplatz zu erscheinen. Diese Mitarbeiter haben in der Regel ein großes Interesse daran, dass ihre Beeinträchtigung auch im Kollegenkreis nicht bekannt wird, sei es, weil man sie ihnen als Schwäche auslegen kann oder weil sie gar Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Diesen Kollegen sollten Sie besonders umsichtig begegnen: Machen Sie deutlich, dass eine chronische Krankheit keine Schande ist, bieten Sie Unterstützung an, signalisieren Sie Gesprächsbereitschaft und verweisen Sie an professionelle Hilfe wie den Betriebsarzt oder -psychologen.

Bei Arbeitnehmern mit chronischen Krankheiten steigt das Risiko, sich auch körperlich großen Schaden zuzufügen, wenn sie sich trotz Krankheit keine Auszeit nehmen. Ergebnisse einer Studie mit männlichen britischen Arbeitnehmern im öffentlichen Dienst im Jahr 2005 legen nahe, dass das Risiko ernsthafter Erkrankungen der Herzkranzgefäße signifikant steigt, wenn sich die Arbeitnehmer nicht krankschreiben lassen, um wieder gesund zu werden. In ihrer Studie unterteilten die Wissenschaftler die Gesamtheit der untersuchten männlichen Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst in gesunde und ungesunde Arbeitnehmer.

Die Forscher fanden heraus, dass das Herzinfarktrisiko bei nicht gesunden Arbeitnehmern, die keine Krankheitstage hatten, doppelt so hoch ist wie das Herzinfarktrisiko in der Gruppe der nicht gesunden Arbeitnehmer, die sich gelegentlich krankschreiben ließen. Das geringste Herzinfarktrisiko hatte die Gruppe der gesunden Arbeitnehmer.

Als Gründe für das erhöhte Risiko der „Ungesunden“ nehmen die Forscher drei Punkte an:

  • erhöhte psychische Belastung von Arbeitnehmern, die arbeiten, obwohl sie krank sind
  • Krank zu arbeiten kann Stressoren erzeugen, die sich verstärkend auf bereits vorhandene Vorerkrankungen auswirken und deren Gefährlichkeit erhöhen.
  • Präsentismus kann auch Kennzeichen eines ungesunden Lebensstils sein, bei dem Krankheitssymptome ignoriert werden und Arbeitnehmer trotz Erkrankung keinen Arzt aufsuchen.


Präsentismus kostet die Betriebe Geld

Wenn ein Arbeitnehmer mit einer ansteckenden Krankheit ins Büro geht, ist nachvollziehbar, dass dieses Verhalten betriebswirtschaftliche Folgen haben kann, weil er möglicherweise Kollegen ansteckt, die andernfalls gesund und produktiv geblieben wären. Die betriebswirtschaftlichen Folgen des Präsentismus sind aber noch vielfältiger:

Beschäftigte, die oft krank zur Arbeit gehen, weisen auch hohe Arbeitsunfähigkeitszeiten auf. Das legt nahe, dass möglicherweise Absentismus und Präsentismus die gleichen Ursachen haben. So wirkt sich beispielsweise ein schlechter Gesundheitszustand vermutlich sowohl auf Absentismus als auch auf Präsentismus aus. Ebenso hat erhöhter Stress eine Steigerung von sowohl Absentismus- als auch Präsentismusraten zur Folge.

Besonders zu berücksichtigen sind bei der Frage des Präsentismus chronische Krankheiten. Sie können dauerhaft zu großen Beeinträchtigungen der Produktivität führen. Da es sich auch um längere Krankenzeiten handelt, wenn der betroffene Arbeitnehmer dann doch arbeitsunfähig wird, ist es bei chronischen Krankheiten von besonderer Bedeutung, Präsentismus zu erkennen und den Kollegen dabei zu unterstützen, sein Leiden auszukurieren.

Schließlich entstehen Produktivitätsverluste auch durch Leistungseinbußen und erhöhte Unfallgefahr. Wer krank am Arbeitsplatz ist, kann nicht im selben Maß produktiv sein wie in gesundem Zustand. Einem Bericht der Techniker Krankenkasse zufolge gehen amerikanische Studien davon aus, dass die Kosten durch Präsentismus in den USA dreimal so hoch sind wie der Produktivitätsverlust durch Fehltage. Die Kosten, die amerikanischen Unternehmen durch Präsentismus entstehen, belaufen sich demnach auf 180 Milliarden Dollar pro Jahr. Dabei gehen den Angaben zufolge 63 % der Arbeitsverluste aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen auf Präsentismus zurück und nur sechs Prozent auf die Fehlzeiten.

Präsentismus bereitet den Unternehmen Produktivitätsverluste aufgrund von:
  • Verbreitung ansteckender Krankheiten
  • Erhöhung der Unfallgefahr
  • Unkonzentriertheit und verminderter Leistungsfähigkeit
  • Erhöhung der Gefahr chronischer Krankheiten

Betriebliches Gesundheitsmanagement schafft Abhilfe

Absentismus und Präsentismus haben viele gemeinsame Ursachen, die zusätzlich die Gefahr von Doping am Arbeitsplatz fördern. Der betriebliche Faktor, der dabei die wichtigste Rolle spielt, ist auch jener, der sich ganz konkret beeinflussen lässt: die Bedingungen am Arbeitsplatz

Allgemein sollte sich der Gesundheitszustand der Arbeitnehmer verbessern, deswegen ist wichtig, dass ein Unternehmen größten Wert auf das betriebliche Gesundheitsmanagement legt. Gelingt es einem Betrieb, die Häufigkeit, Schwere und Dauer der Erkrankungen seiner Arbeitnehmer zu reduzieren, sinken damit die Zahlen für Präsentismus und für Absentismus. Ein gutes Gesundheitsmanagement im Betrieb verringert überdies die Gefahr, dass Arbeitnehmer aufgrund von Überforderung zur Pille greifen.

Die Faktoren, die Präsentismus begünstigen, sind oft psychischer oder psychosomatischer Natur. Dem kann der Betrieb mit einem konsistenten betrieblichen Gesundheitsmanagement entgegenwirken. Hierzu zählen Punkte wie:

  • ergonomische Arbeitsplatzgestaltung: rückenfreundliche Stühle, Einhaltung der Richtlinien für Bildschirmarbeitsplätze, gutes Material für Telefonarbeitsplätze usw.
  • Ruhe- und Pausenzeiten
  • Ruhe- und Pausenräume
  • Sport- und Entspannungsangebote
  • psychologische Betreuungsangebote
  • Fördern von kollegialem Zusammenhalt: kleine Erfolge der Abteilung gemeinsam feiern

Zu einem konsistenten betrieblichen Gesundheitsmanagement gehört auch, dass alle Betroffenen einbezogen werden: Arbeitnehmer als Betroffene, Betriebsärzte, -physiologen und -psychologen als Sachverständige und das Management als organisatorische Einheit, die betriebsgesundheitliche Maßnahmen finanzieren muss. Für die Umsetzung ist von größter Wichtigkeit, dass sich alle Beteiligten auch ihrer Verpflichtung bewusst sind: Damit betriebliches Gesundheitsmanagement funktioniert, muss es auch von den Mitarbeitern angenommen und umgesetzt werden.

Abhilfe gegen Produktivitätsverluste durch Präsentismus und Doping am Arbeitsplatz schafft nur ein konsistentes Gesundheitsmanagement, in das alle organisatorischen Einheiten einbezogen werden.

Arbeitsoptimierung in der Krise

Als Sicherheitsfachkraft können Sie dazu beitragen, die Ursachen für Präsentismus und Doping am Arbeitsplatz zu verringern. Zwar sind die Gründe dafür, dass Kollegen am Arbeitsplatz zumindest gelegentlich auf medikamentöse Unterstützung angewiesen sind, vielfältig und müssen nicht mit dem Job zusammenhängen. Doch können Sie dazu beitragen, dass die Bedingungen am Arbeitsplatz die Kollegen nicht noch zusätzlich unter Druck setzen. Die Stellschrauben, an denen Sie angreifen können, sind:

  • Einhalten der Arbeitszeiten
  • klare Arbeitsplatzbeschreibungen
  • gerechte Verteilung: Wer Sonderaufgaben übernimmt, wird dafür von anderen Aufgaben befreit.
  • Optimierung der Schichtpläne

Angesichts der Krise können Arbeitszeiten kurzzeitig verändert werden. So sind Kurzarbeit und Überstunden sinnvolle Instrumente, um betriebliche Engpässe zu überwinden. Zentral ist dabei aber, dass die Maßnahmen transparent und zeitlich begrenzt sind. Die Arbeitnehmer müssen also wissen, was sich die Geschäftsleitung genau von einer Maßnahme verspricht und wie lange sie angewendet werden soll.

Vereinbarte Arbeitszeiten sollten auch in Krisenzeiten nicht beliebig verändert werden. Überstunden und Kurzarbeit müssen Ausnahmen bleiben.

Dieser Textauszug stammt aus "Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz im Büro". Jetzt 14 Tage unverbindlich testen.

 

Dorothee Chlumsky, Fachautorin

Veröffentlicht:
2010-07-07

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