Document Actions

Sinkender Krankenstand

Präsentismus und Doping am Arbeitsplatz

Präsentismus und Doping am Arbeitsplatz schaden langfristig der Gesundheit der Beschäftigten und wirken sich negativ auf die Bilanzen des Unternehmens aus. Wir erklären den Hintergrund der Entwicklung und zeigen, wie Sie als Sicherheitsfachkraft in Ihrem Betrieb entgegenwirken können.

Der Anteil der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen ist 2008 signifikant gestiegen.

Der Anteil der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen ist 2008 signifikant gestiegen.

Vor allem aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, lassen sich Arbeitnehmer immer seltener krankschreiben, wenn es ihnen nicht gut geht. Aber auch die Kollegialität spielt eine Rolle. Präsentismus und Doping am Arbeitsplatz sind zwei Phänomene, die ihren Ursprung in derselben Entwicklung haben: Leistungsdruck und Unsicherheit am Arbeitsplatz nehmen zu und die Arbeitnehmer müssen sich immer stärker verausgaben, um ihrem Job gerecht zu werden.

Präsentismus: das Gegenteil von Absentismus

Der Begriff „Präsentismus“ bezeichnet das Gegenteil des Absentismus, des sogenannten „Krankfeierns“. Absent ist der lateinische Begriff für abwesend, präsent das Gegenteil: anwesend. Das Substantiv Präsentismus bezeichnet das Verhalten von Arbeitnehmern, am Arbeitsplatz anwesend zu sein, obwohl sie zu Hause bleiben sollten, weil sie krank sind.

Dabei bezieht sich Präsentismus ausschließlich auf Krankheit. Phänomene wie Arbeitsverweigerung oder die „innere Kündigung“ fallen nicht unter den Begriff Präsentismus, auch wenn die Arbeitnehmer hier ebenfalls eine Form von (innerer) Abwesenheit an den Tag legen, obwohl sie körperlich anwesend sind. Gemeinsam ist den Phänomenen jedoch, dass sie die Unternehmen teuer zu stehen kommen. Die Produktionsausfälle, die durch Präsentismus entstehen, sind höher als die Kosten für den Betrieb, wenn Arbeitnehmer im Falle einer Erkrankung zu Hause bleiben.

Niedriger Krankenstand heißt nicht gesündere Mitarbeiter

Wie das Bundesministerium für Gesundheit im Juli 2009 meldete, ist der Krankenstand in der gesetzlichen Krankenversicherung in deutschen Betrieben im ersten Halbjahr 2009 auf durchschnittlich 3,24 % gesunken. Das ist der niedrigste Stand der Krankenzahlen seit Einführung der Statistik im Jahr 1970. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) warnt jedoch davor, aus dieser Zahl zu schließen, dass die Arbeitnehmer gesünder sind als in den Jahren zuvor: Die niedrige Zahl deute vielmehr darauf hin, dass viele Arbeitnehmer keine Rücksicht darauf nehmen, wenn sie krank sind, und in die Arbeit gehen, anstatt sich zu Hause auszukurieren.

Der DGB-Index „Gute Arbeit 2009“ hat ermittelt, dass fast 80 % der abhängig Beschäftigten zur Arbeit gegangen sind, obwohl sie sich krank gefühlt hatten. Die Hälfte der befragten Arbeitnehmer hatte sich sogar mehrmals so verhalten. 36 % der befragten Arbeitnehmer haben dabei gegen den ausdrücklichen Rat ihres Arztes gehandelt.

Auch wenn der Arzt davon abrät, gehen viele krank ins Büro. Sie wollen vermeiden, dass Kollegen ihre Arbeit zusätzlich übernehmen.

Der DAK-Gesundheitsreport legt dar, dass der Anteil der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen im Jahr 2008 bei 10,6 % lag. Gegenüber dem Vorjahr ist dieser Wert um 7,9 % gestiegen. Das ist ein stärkerer Anstieg als bei anderen Erkrankungsgruppen. Bei Frauen machen psychische Krankheiten 13,1 % des Arbeitsunfähigkeitsvolumens aus, bei Männern 8,7 %. Dabei kann man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen, da sich seelische Probleme einerseits häufig in körperlichen Beschwerden äußern und die Betroffenen sie andererseits nicht unbedingt öffentlich machen.

Mit der Wirtschaftskrise nimmt die Unsicherheit um den Arbeitsplatz zu, der Druck auf den einzelnen Arbeitnehmer steigt. Viele meinen, dass sie es sich in der Krise noch weniger als sonst „leisten können“, krank zu sein. Wer Angst hat, den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein, greift auch eher auf Medikamente zurück – sie werden häufig im Kollegenkreis empfohlen und weitergegeben.

Doping und Präsentismus

Der DAK-Gesundheitsreport hat für das Jahr 2008 ermittelt, dass in Deutschland zwei Millionen Menschen gelegentlich Medikamente nehmen, um ihre Leistungsfähigkeit zu erhöhen. 800.000 Deutsche greifen sogar regelmäßig zur Pille. Dahinter steckt eine verbreitete Angst, dass die „Bordmittel“, die jeder Mensch an körperlicher, geistiger und seelischer Ausstattung sowie an Ausbildung und Einsatzbereitschaft mitbringt, nicht ausreichen, um den Anforderungen am Arbeitsplatz zu genügen.

Für viele ist auch der Druck zu groß und sie nehmen die Angebote von Freunden oder Kollegen gerne an, sich den Alltag zu erleichtern, die Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen oder die Stimmung aufzuhellen. Dahinter steckt ein Bild von sich selbst als defizitärem Wesen, das von sich aus nicht über die Ausstattung verfügt, den Alltag zu meistern, und deswegen auf Hilfsmittel zurückgreifen muss. Die Befragten des DAK-Gesundheitsreports hatten vielfach keinen medizinischen Grund, Psychopharmaka einzunehmen. Überwiegend hatten sie die Entscheidung selbst getroffen.

Vier von zehn der 3.000 Befragten in der Studie schlucken fast täglich Betablocker, Antidepressiva oder andere Medikamente. Nur jede dritte Empfehlung für die gängigen Medikamente kommt vom Arzt. Auch hier kann man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. Doping ist in der Leistungsgesellschaft tabuisiert, viele Arbeitnehmer sprechen nicht offen darüber, dass sie Medikamente nehmen.

Doping am Arbeitsplatz betrifft alle Berufsgruppen

Fachleute stellen fest, dass die Medikamentenabhängigkeit von Personen in führenden Positionen zunimmt. Aber nicht nur Manager leiden unter dem hohen Druck, dem sie ausgesetzt sind: Medikamentenabhängigkeit betrifft besonders leistungsorientierte Persönlichkeiten, die sich stark über den Beruf definieren. Sie müssen am Arbeitsplatz viel leisten und verlangen zusätzlich besonders viel von sich selbst.

Betroffen sind überdies Menschen, die zusätzlich außerhalb des Arbeitsplatzes hohen Anforderungen genügen müssen, etwa Frauen, die alleine Kinder erziehen oder durch Arbeit und Familie doppelt belastet sind. Dem DAK-Bericht nach nehmen Männer eher aufputschende Medikamente, Frauen greifen eher zu Beruhigungsmitteln, um besser mit Ängsten fertigzuwerden.

Als Sicherheitsfachkraft können Sie Betroffenen in Ihrem Unternehmen nur begrenzt Hilfestellung anbieten, da Medikamentenmissbrauch schwer zu erkennen ist: Er findet nicht offen vor den Kollegen statt. Überdies ist es schwierig zu beurteilen, wo beim Kollegen der Missbrauch anfängt.

Maßnahmen, die Sie ergreifen können, um Doping im Betrieb zu verhindern, beziehen sich daher in erster Linie auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Entstressen der Arbeitssituation, ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes, Wechsel von Arbeits- und Erholungsphasen sowie gemeinsame Strategien zur Lösung von Problemen sind hier die Stichworte (siehe Abschnitt „Das können Sie tun“ weiter unten).

Dieser Textauszug stammt aus "Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz im Büro". Jetzt 14 Tage unverbindlich testen.

Lesen Sie weiter:

Gründe für Präsentismus und Doping am Arbeitsplatz

Präsentismus gefährdet die Gesundheit

Dorothee Chlumsky, Fachautorin

Veröffentlicht:
2010-07-10

Diesen Artikel bookmarken bei...
Mister Wong del.icio.us Folkd Furl Google Linkarena oneview Yahoo MyWeb BlinkList YiGG Webnews

Vorteile für registrierte Nutzer
Als registrierter Benutzer von SIFATipp profitieren Sie von vielen Vorteilen:
  • Vorlagen, Checklisten, Arbeitsmitteldatenblätter zum Download
  • uneingeschränkte Nutzung des Bilderpools
  • Teilnahmemöglichkeit an Gewinnspielen
  • Vollen Zugriff auf die Rechtsvorschriften

Die Registrierung dauert nur einen Moment und Sie können im Anschluss sofort alle Vorteile nutzen.

jetzt registrieren…