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Psyche und Stress

Psychische Belastung am Arbeitsplatz als Produktivitätshemmer

Psychische Belastung am Arbeitsplatz und stressbedingte Befindlichkeitsstörungen wirken sich zunehmend negativ auf die betriebliche Produktivität aus, so die Deutsche Gesellschaft für Personalführung. Aufgrund der Tabuisierung leiden Betroffene still und erhalten zu selten entsprechende Hilfe. Wichtig ist eine zeitgemäße Prävention und Gesundheitsförderung.

Psychische Belastungen am Arbeitsplatz: Immer schneller, immer hektischer

Psychische Belastungen am Arbeitsplatz: Immer schneller, immer hektischer

Arbeitsunfähigkeitsstatistiken zeigen, dass psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch sind. Laut Robert Koch-Institut (RKI) litten 1998 17,3 Prozent der Deutschen zwischen 18 und 65 Jahren an einer psychischen Störung. 15 Prozent der Frauen und 8,1 Prozent der Männer hatten eine depressive Phase.

Der Gesundheitsbericht für Deutschland sieht in der Zunahme von psychischen Erkrankungen die bedeutsamste Veränderung hinsichtlich der Arbeitsunfähigkeitsursachen. Auch die Krankenkassen beobachten eine Zunahme von Arbeitsausfällen aufgrund psychischer Leiden.

Hauptursachen von Arbeitsunfähigkeit sind dabei depressive Erkrankungen und Angststörungen, die häufig jüngere männliche Arbeitnehmer zwischen 15 und 35 Jahren betreffen.

Psychische Belastung am Arbeitsplatz: Sieben Jahre bis zur Diagnose

Studien zeigen, dass durchschnittlich sieben Jahre bis zur Diagnose psychischer Erkrankungen vergehen (Zielke et. al. 2004). Dies kann erklären, dass der Großteil psychischer Erkrankungen gar nicht bei den Erwerbstätigen, sondern bei den Arbeitslosen liegt: Personalverantwortliche müssen davon ausgehen, dass Arbeitnehmer bereits lange vor ihrer Arbeitslosigkeit erkrankt waren, jedoch keine adäquate Hilfe erfahren haben.

Häufigster Grund für Frühberentung

Psychische Störungen und Behinderungen sind seit 2003 bei beiden Geschlechtern der häufigste Grund für eine Frühberentung. Mit 25 Prozent bei den Männern und 36 Prozent bei den Frauen rangieren diese Ursachen vor Erkrankungen der Bewegungsorgane, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs (RKI 2006).

Es ist zu vermuten, dass Investitionen in Präventionsmaßnahmen bei Herz-Kreislauf- und orthopädischen Krankheiten für einen Rückgang dieser Störungen als Berentungsursache verantwortlich sind. Ähnlich wirksam scheint die betriebliche Suchtprävention zu sein.

Ursachen: Verändertes Klima in der Arbeitswelt und Führungsverhalten

In einer Befragung der Europäischen Stiftung für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen nannten 28 Prozent der Befragten an zweiter Stelle der häufigsten arbeitsbedingten Gesundheitsprobleme negative Folgen psychischer Fehlbelastungen (INQA 2005).

72 Prozent der Chemie-Führungskräfte beurteilten das Betriebsklima im Vergleich zu früheren Zeiten als schlechter, 85 Prozent gaben an, heute länger arbeiten zu müssen. 46 Prozent gehen weniger gern als früher arbeiten, 28 Prozent fühlen sich häufiger gestresst und überfordert.

Besonders belastend wurden Zeitdruck, Personalmangel, mangelnde Entscheidungskompetenz und Unsicherheit bezüglich der beruflichen Zukunft empfunden. Nach dem Gesundheitsbericht für Deutschland sind die Arbeitsweltveränderungen als historisch gravierender Wandel von Belastungsstrukturen zu verstehen „wie sie vielleicht nur mit dem Übergang der Agrar- zur Industriegesellschaft zu vergleichen ist“ (Gesundheitsbericht für Deutschland 1998).

Von allen für Stress relevanten Aspekten der Arbeitssituation hat das Verhalten der Führungskräfte größte Auswirkungen auf die Befindlichkeit von Mitarbeitern, ergab eine Studie mit über 1 500 Beschäftigten der Dienstleistungsunternehmen (Holz 2005). Psychosoziale Beschwerden, emotionale Erschöpfung, Arbeitszufriedenheit und Commitment sind demnach bis zu 20 Prozent vom Verhalten von Vorgesetzten bestimmt.

Vor der Prävention stehen Erkennen und Diagnose

Vor der Prävention und Reduktion stressbezogener und psychischer Störungen am Arbeitsplatz muss natürlich der Handlungsbedarf überprüft werden. Eine Trennung von arbeitsbedingten und privaten Auslösefaktoren ist schwierig und oft nicht möglich (BDA 2005). Auf Basis bisheriger Erkenntnisse aber erscheint es sinnvoll, sich um psychische Probleme von Mitarbeitern stärker zu kümmern als bislang. Gründe hierfür sind:

  • Psychische Störungen wurden zu den am stärksten zunehmenden gesundheitsbezogenen Kostenfaktoren in Bezug auf manifeste Krankheitszeiten und Leistungsminderungen.
  • Unabhängig von der Ursache psychischer Probleme leidet die Produktivität zuerst (Bürger 1997). Stressfaktoren und psychischen Krankheiten entgegenzuwirken ist damit in jedem Fall rentabel.
  • Selbst manifeste körperliche Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Krankheiten haben psychische Faktoren und Stressoren zur Ursache. Eine Sensibilisierung für psychologische Stressfaktoren bietet Prävention nicht nur für psychische Erkrankungen.

Voraussetzungen für die Prävention

Psychische Störungen sind – früh genug erkannt – in der Regel gut zu behandeln. Dies setzt eine Sensibilisierung für psychische Störungen am Arbeitsplatz voraus.

Verantwortliche sollten

  • Hemmungen bei sich selbst und in der Abteilung abbauen
  • Psychische Störungen bei Mitarbeitern früher erkennen
  • Auffällige Veränderungen angemessen ansprechen
  • Angemessene Hilfen anbieten

Typische Symptome von Stress

Verhalten: Leistungsrückgang, ungewohnte Fehler

Körperreaktionen: Herz-Kreislauf-Beschwerden, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Erschöpfung

Emotionale Ebene: Hilflosigkeit, Mutlosigkeit, Unzufriedenheit, Gereiztheit

Kognitive Ebene: Konzentrationsstörungen, Entscheidungsprobleme, Grübeln

Wichtig ist, nicht bereits auf kleinste Veränderungen zu reagieren, diagnostizieren oder gar therapieren zu wollen.

Psychosoziale Kompetenz und geübte Gesprächsführung

Es ist nicht einfach und erfordert ein hohes Maß an sozialer Kompetenz Mitarbeiter in geeigneter Form anzusprechen und ein Gespräch zu führen. Entsprechend unterstützend-konfrontierende Gespräche sollten unter vier Augen stattfinden. Wichtig ist auch, im Falle einer Psychotherapie, Zeitspielräume einzuräumen, sodass notwendige Termine auch innerhalb der Arbeitszeit wahrgenommen werden können.

Mehr über psychische Belastung am Arbeitsplatz

Dr. med. Julia Hofmann

Quelle: Stefan Leidig: „Psychische Störungen und Stress in der Arbeitswelt: Ansätze für eine zeitgemäße Förderung.“ Personalführung (1/2007)
Veröffentlicht:
2007-05-07

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