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Arbeitsschutz am Bau

Was Sie von der größten Baustelle Europas lernen können

Die größte Baustelle Europas befindet sich in Neurath, wo ein neues Braunkohlekraftwerk entsteht. Die Arbeit in luftigen Höhen erfordert neue Konzepte für den Arbeits- und Gesundheitsschutz. Dabei mussten die beteiligten Firmen nicht nur das erhöhte Blitzschlagrisiko berücksichtigen. Erfahren Sie, wie die Sicherheitsexperten der BG Bau die besonderen Risiken eingeplant haben.

Kraftwerks-Neubau: Europas größte Baustelle

Kraftwerks-Neubau: Europas größte Baustelle

Hohe Anforderungen nicht nur durch die Höhe

In Neurath entstehen auf einer Fläche von 37 Hektar - das entspricht 52 Fußballfelder – zwei riesige Kraftwerksblöcke, die innerhalb von drei Jahren fertig gestellt sein sollen.

Für den Neubau müssen über 1,3 Mio. cbm Aushub aus zwei Hauptbaugruben bewältigt. Für das Blockgebäude und den Treppenturm müssen über 485.000 cbm Erdreich bewegt werden. Am Schlitzbunker beträgt die Aushubmenge 605.000 cbm. Die Aushubtiefe reicht bis zu 47 Meter. Die Tageshöchstleistung beträgt bis zu 16.000 cbm.

Dazu sind bereits heute etwa 1.000 Bauarbeiter im Einsatz, die aus unterschiedlichen Fachrichtungen kommen. In wenigen Monaten soll die Zahl der Bauarbeiter auf rund 4.000 ansteigen. Neben Einschalern, Gerüstbauern und Maurern werden auch Kranfahrer eingesetzt, die in einer Höhe von 200 Metern tätig sind.

Subunternehmen fordern das Sicherheitsmanagement

Die vorgesehenen Arbeiten werden von einer Vielzahl von Unternehmen und deren Subfirmen wahrgenommen. Darunter befinden sich verschiedene Nationalitäten. Eine direkte Kommunikation unter den Arbeitern ist durch die Sprachenvielfalt kaum möglich.

Dies gelingt nur durch deutschsprachige Führungskräfte und den Einsatz von Dolmetschern. Diese Ausgangsbedingungen erschweren die tägliche Arbeitsorganisation und machen den Arbeitsschutz zu einer besonderen Herausforderung.

Arbeitsschutz bei Baumaßnahmen frühzeitig einbinden

Wie in diesem Extrembeispiel sichtbar wird, muss der Arbeitsschutz bei einer Baumaßnahme sehr früh in die Planungen einbezogen werden. Drängen Sie deshalb darauf, bereits in der Planungsphase informiert zu werden.

In diesem Beispiel konnten die Präventionsexperten der BG Bau dafür sorgen, dass bei der Neuentwicklung der für den Bau der beiden Kühltürme erforderlichen Klet­terschalung die Aspekte der Arbeitssicherheit nicht außer Acht blieben.

Neben der Absturzgefahr durch die große Höhe waren auch Besonderheiten durch die sich beim Klettervorgang verändernden Geometrie der Schalung zu beachten.

Die Höhe bedeutet auch Gefahr für das Bodenpersonal

Zudem besteht nicht nur das Risiko, dass die Mitarbeiter, die oben am Kühlturm arbeiten, abstürzen könnten, sondern es können auch Teile wie Betonbrocken, Bewehrungseisen oder Schalungsteile herab fallen und die Mitarbeiter am Boden bedrohen.

Besondere Überlegungen zu den notwendigen Schutzmaßnahmen mussten insbesondere für die beiden Kühltürme und die vier Treppentürme der Dampferzeuger angestellt werden, die alle höher als 170 Meter sind.

Durch eine enge Einbeziehung der Bauleitung und eine ständige Zusammenarbeit zwischen den Fachfirmen und den Arbeitsschutzkräften konnten bislang nennenswerte Arbeitsunfälle vermieden werden.

Gefahrenbereiche ausweisen und Zugang ermöglichen

Entsprechend der BGI 778 (Turm- und Schornsteinbau) wurden unter anderem Gefahrenbereiche rings um die Kühltürme identifiziert, abgesperrt und gekennzeichnet. Bei Arbeiten im Gefahrenbereich wurden die Arbeiten am Kühlturmschaft unterbrochen.

Um dennoch einen Zugang zu den Kühlturmbaustellen zu ermöglichen, wurden so genannte Löwengänge installiert, die über ein Schutzdach gegen herabfallende Gegenstände sowie seitlich angebrachte Schutznetze verfügen.

Auch mit dem Unerwarteten rechnen

Im Arbeitsschutz müssen Sie auch mit unerwarteten Situationen und Problemen rechnen, die Ihnen zuvor noch nie begegnet sind. So stießen die Bauleitung, die zuständige Sicherheitsfachkraft und die Experten der BG Bau auf das bislang nicht aufgetretene Risiko, dass sich beim Einbringen des Betonstahls in ein Fundament auch Absturzgefahren ergeben könnten.

Rettungskonzepte auch für schwierige Situationen

Eine Großbaustelle zeichnet sich meist durch unterschiedliche Einzelbauwerke aus, die verschiedene Rettungskonzepte notwendig machen. Neben der Rettung von Verletzten gilt es auch an den Abtransport von erkrankten Personen zu denken. Im Fall von Neurath werden auf der Baustelle drei Rettungscontainer immer dort positioniert, wo der Einsatz sinnvoll erscheint.

Die 174 Meter hohen Treppentürme der Dampferzeuger, das Schaltanlagengebäude, das Maschinenhaus und der bis zu 40 Meter tiefe Schlitzbunker lassen eine Rettung verletzter Personen oder den Abtransport Erkrankter auf herkömmlichen Weg kaum zu. Im Ernstfall kann ein Rettungscontainer inklusive Begleitperson und betroffenen Mitarbeiter mit dem Baukran transportiert werden.

Baustellen sind ständig im Wandel

Trotz der umfangreichen Vorbereitungen aus Arbeitsschutzsicht begleiten die Präventionsexperten die regelmäßigen Sicherheitsbegehungen, denn einmal geplante Maßnahmen müssen ständig auf ihre Wirksamkeit überprüft werden.

Zudem befindet sich eine Baustelle immer im Wandel, neue Gefahrensituationen können sich also laufend ergeben. Lassen Sie sich deshalb nicht auf ein abschließendes Sicherheitskonzept ein, sondern sorgen Sie für eine ständige Überprüfung und Anpassung.

Fazit: Der Arbeitsschutz am Bau braucht kreative Lösungen

Auch wenn Sie nicht als Sicherheitsfachkraft auf einer Großbaustelle tätig sind, zeigt dieser Extremfall, dass der Arbeitsschutz eingefahrene Wege verlassen muss und stets auf der Suche sein muss, passende Lösungen zu finden, um das Leben und die Gesundheit der Mitarbeiter schützen zu können.

Durch die frühzeitige Einbindung der Berufsgenossenschaft und die enge Zusammenarbeit zwischen Bauleitung und Sicherheitsfachkraft können selbst Mammutprojekte oder neuartige Bauvorhaben aus Arbeitsschutzsicht bewältigt werden. Suchen Sie dazu auch den Rat der Präventionsexperten Ihres Unfallversicherungsträgers.

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Autor: Oliver Schonschek, Diplom-Physiker

Veröffentlicht:
2007-09-11

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