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Post Holiday Syndrom

Wenn der Urlaub für die Katz war

Irgendwann geht auch der schönste Urlaub zu Ende. Zurück zur Arbeit, zurück in den Alltagstrott – für viele Arbeitnehmer gar nicht so leicht. Wenn Urlaubsheimkehrer sich in ihrem Alltag nicht mehr zurechtfinden, die gewohnte Arbeitsleistung nicht mehr zu schaffen ist, Konzentrationsschwächen und Schlafstörungen auftreten, spricht man vom Post-Holiday-Syndrom.

Gab uns Auskunft über das Post-Holiday-Syndrom: Bettina von Schorlemer vom Frankfurter Therapiezentrum

Gab uns Auskunft über das Post-Holiday-Syndrom: Bettina von Schorlemer vom Frankfurter Therapiezentrum

SIFATipp: Frau von Schorlemer, kennen Sie das Post-Holiday-Syndrom aus persönlicher Erfahrung?

Ehrlich gesagt eher weniger, denn als Selbständige kann ich mir auch kurzfristig Erholungspausen gönnen, sobald ich diese brauche. Das Post-Holiday-Syndrom ist eher ein Problem für Angestellte, die in einem festen Zeitkorsett stecken. Als Angestellter muss man Urlaubstermine lange vorher festlegen. Und setzt sich allein dadurch schon unter Druck. Die Erwartungshaltung ist zwangsläufig sehr hoch. Alles muss perfekt klappen, und idealerweise ist genau zu Urlaubsbeginn der Schreibtisch komplett abgearbeitet, der Chef wohlgesonnen, der Partner entspannt, die Kinder friedlich und der Hund gesund. Ziemlich seltene Umstände, nicht wahr?

SIFATipp: Warum sollte man das Post-Holiday-Syndrom überhaupt ernst nehmen? Wer freut sich schon, wenn sein Urlaub zu Ende geht?

Wenn wir vom Post-Holiday-Syndrom reden, meinen wir auch nicht ein leichtes Bedauern. Es geht nicht um die Frage, ob wir dem Urlaub ein bisschen hinterher trauern. Es geht darum, ob wir wirklich wieder in unserem Alltag ankommen und ihn ohne Belastungen bewältigen.

SIFATipp: Mit welchen Symptomen äußert sich das Post-Holiday-Syndrom? Entstehen durch das PHS auch Gefahren im Betrieb?

Die Symptome sind vielfältig und für den Einzelnen sehr belastend. Häufig können die Betroffenen nicht durchschlafen, sind dadurch tagsüber völlig übermüdet und finden dennoch abends wiederum keinen Schlaf. Allein das beeinträchtigt das Konzentrations- und Motivationsvermögen enorm. Herz-Rhythmus-Störungen, nervöse Ticks wie zum Beispiel Augenzucken, Kopfschmerzen oder erhöhte Reizbarkeit können hinzukommen.

Alles Symptome, die auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen sehr belasten. Natürlich ist jemand, der „so durch den Wind ist“, auch erheblich unfallgefährdeter. Ob Chirurg oder Busfahrer, Maschinenführer oder Sicherheitsingenieur – in vielen Tätigkeiten trägt man nun mal direkt Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. Wenn dann die Konzentration massiv eingeschränkt ist, wird es schnell gefährlich.

SIFATipp: Aber eigentlich sollte man doch nach einem Urlaub besonders erholt und gestärkt wieder an den Arbeitsplatz gehen?

Ja, eigentlich. Aber das ist ähnlich wie mit Weihnachten. Allein die hohen Erwartungen an bestimmte Festtage oder eben an die Urlaubstage stressen schon im Vorfeld ungemein. Bevor überhaupt irgendetwas Unerwartetes passiert ist, steigen Stresspegel und Blutdruck. Die Urlaubssituation wird oft völlig überfrachtet mit unrealistischen Ansprüchen und Erwartungen. Zum Beispiel machen viele Paare gemeinsam Urlaub, um ihre Beziehung zu retten. Tatsächlich kommt es aber besonders im und nach dem Urlaub besonders häufig zu Trennungen. Einfach weil der Stress zu hoch ist.

SIFATipp: Kann man einen Urlaub so vorbereiten und planen, dass sich die Erholung länger als die Sommerbräune hält?

Schon vor dem Start in den großen Urlaub sollte man Stress vermeiden. Wer am letzten Arbeitstag noch bis spät abends im Betrieb war, sollte nicht gleich am nächsten Morgen um 5.00 Uhr auf die Autobahn, weil er die Fähre von Genua nach Korsika um 13.00 Uhr gebucht hat. Extremes Beispiel, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen und ein sicheres K.O.-Kriterium für den Urlaub.

Weitaus besser und erholsamer ist es, entspannt aufzubrechen. Vielleicht noch ein bis drei Tage in Ruhe zu Hause urlauben, einpacken, Essen gehen, den Kopf langsam frei bekommen und nicht mehr daran denken, was auf dem Schreibtisch liegen geblieben ist. Und dann entspannt losfahren.


SIFATipp: Viele schwören auf die lange Reise einmal im Jahr. Mindestens drei Wochen sollen es sein. Gibt es aus arbeitspsychologischer Sicht eine ideale Urlaubsdauer?

Das ist nicht für alle Berufsgruppen und für jeden Einzelnen einheitlich zu beantworten. Fest steht jedoch, dass die altbekannte Faustregel „Drei Wochen am Stück müssen es schon sein“ keinen Bestand mehr hat. Im Gegenteil, eine längere Urlaubsdauer kann das  Post-Holiday-Syndrom noch verstärken. Wer so lange in eine andere Welt eintaucht, kommt eventuell umso schwieriger wieder in seinem Alltag an.

Daher empfehlen viele Experten die Urlaubstage auf das Jahr zu verteilen, zum Beispiel zweimal zwei Wochen zu nehmen oder auch öfter ein verlängertes Wochenende einzuplanen. Mehrere kleine Urlaube oder Freizeitinseln halt. Das kann übrigens auch ein Tag in einem schönen Freizeitbad sein. Wer allerdings eine körperlich sehr belastende Tätigkeit ausübt, braucht in der Regel auch mal einen längeren Erholungsurlaub.

SIFATipp: Wie lange darf ein Post-Holiday-Syndrom dauern? Wann wird es bedenklich?

Wenn die Beschwerden länger als drei Wochen anhalten, sollte man sich Sorgen machen. Und einen Arzt befragen. Dieser sollte nach Vor-Erkrankungen oder ungelösten Alltagsproblemen fragen. Hinter einem lang anhaltenden Post-Holiday-Syndrom können sich auch schwere Depressionen verstecken. Aber auch die persönliche Lebensgestaltung muss hinterfragt werden. Wer so anhaltend an den beschriebenen psychischen und körperlichen Symptomen leidet, steckt eventuell auch einfach im falschen Leben. Und sollte es ändern, bevor sich weitere Erkrankungen daraus ergeben. Denn wer nur für die drei Wochen Urlaub im Jahr lebt und sich dafür durch den großen Rest des Jahres quält, muss sich dringend die Sinnfrage stellen: Was ist mir in meinem Leben wirklich wichtig?

SIFATipp: Was empfehlen Sie für den urlaubsfreien Alltag? Was kann der Einzelne tun, worauf sollten Betriebe achten?

Jeder Einzelne kann sich ganz einfach viele kleine Freizeitinseln schaffen. Viele haben ja schon fast vergessen, dass es auch stressfreie Hobbies gibt. Ohne Termindruck. Das können regelmäßige Spaziergänge mit dem Hund ebenso wie das Werkeln im eigenen Garten sein. Oder entspannt im Café sitzen – die Hauptsache ist, ich habe auch im Alltag ausreichend Gelegenheit, von der Arbeit abzuschalten. Niemand muss direkt von der Arbeit mit seinem MTB zum kleinen Flughafen um die Ecke hetzen, den Fallschirm schon auf dem Rücken, damit er noch schneller abflug- und absprungbereit ist.

Und direkt vor einem Urlaub bitte nicht bis zur letzten Sekunde im Betrieb versuchen, den Schreibtisch leer zu arbeiten – er wird nie leer. Umso wichtiger ist eine gute Übergabe, echte Vertretungslösungen, eben eine sehr gute Unterstützung im Team und durch die Firmenleitung, damit jeder Mitarbeiter ohne schlechtes Gewissen in den Urlaub starten kann. Nach dem Urlaub ist es hilfreich, mit einer verkürzten Woche zu beginnen. Statt an einem Montag ist es angenehmer mit einem Mittwoch zu starten. So kommt man entspannter wieder in die alten Gewohnheiten. Auch zwischen Rückkehr und Arbeitsbeginn dürfen ein, zwei Tage liegen, an denen man sich langsam wieder akklimatisieren kann.

SIFATipp: Frau von Schorlemer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Die Fragen stelle Christiane Deppe, freie Fachjournalistin

Veröffentlicht:
2009-09-10

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