Schutzeinrichtungen
Einfach außer Kraft gesetzt
Kaum jemand würde auf den Sicherheitsgurt verzichten, um es im Auto etwas bequemer zu haben. Doch mehr Menschen als man glauben möchte, manipulieren Schutzeinrichtungen der Maschinen, an denen sie arbeiten. Fachtagungen und Publikationen regen zum Nachdenken an.
30 Prozent aller Maschinen in Deutschland sind an ihren Schutzeinrichtungen manipuliert. Foto: pixelio.de
Sicherheitsvorkehrungen an Maschinen sollen die Belegschaft vor Arbeitsunfällen bewahren. Mitunter aber ist es ausgerechnet der Mitarbeiter selbst, der seinen Schutz außer Kraft setzt. Kein Gerücht, sondern Realität am Arbeitsplatz, wie ein Unfallbericht aus der Lederindustrie zeigt:
Manipulation an Schutzeinrichtungen aus Bequemlichkeit
An einer Vlieslegemaschine traten regelmäßig Störungen auf. Um die Ursache zu beseitigen, musste der Arbeiter jedes Mal die Anlage betreten ‒ einen komplett umzäunten Bereich, dessen Zugangstüren mit Schutzeinrichtungen gesichert waren. Beim Passieren setzten alle gefahrbringenden Bewegungen sofort aus. Anschließend musste die Maschine am zentralen Steuerungspult wieder eingeschaltet werden.
Das ständige Aus- und Einschalten der Anlage, schon bei der kleinsten Störung, ging dem Mitarbeiter offenbar auf die Nerven. Er überbrückte den Sicherheitsschalter in der Zugangstür und setzte ihn so außer Funktion. Fortan konnte er die Störung fix bei laufender Anlage beseitigen.
Fast ein Jahr lang ging das gut. Eines Tages aber kam es bei der Beseitigung einer Störung zu unerwarteten Problemen. Der Mitarbeiter hielt sich länger als üblich in der Anlage auf, wurde plötzlich von einem Greifer getroffen und am Kopf verletzt. Drei Wochen Arbeitsunfähigkeit waren der Preis für wenige Minuten Zeitersparnis. Und es hätte ihn noch schlimmer treffen können.
„Enormer Handlungsbedarf“
Die Zahlen der BG Metall sind drastisch: 30 Prozent aller Maschinen in Deutschland sind an ihren Schutzeinrichtungen manipuliert. Obendrein entspricht ein beachtlicher Teil der Maschinen, die bundesweit in den Verkehr gebracht werden, nicht komplett den Anforderungen der Maschinenrichtlinie. Auch die Auswertung der Unfallmeldungen legt offen, dass hier ein enormer Handlungsbedarf besteht.
Manipulierte Schutzeinrichtungen - Quelle für schwere Unfälle
Traurig, aber wahr. Manipulierte oder gar fehlende Schutzeinrichtungen sind eine häufige Unfallursache, teils sogar mit Todesfolge. Die Betroffenen werden erfasst, gequetscht oder an Körperteilen eingezogen.
Die Hauptursachen dabei:
- unerwarteter Anlauf der Maschine
- reflexhaftes Greifen in ungeschützte Gefahrenstellen
- Unterschätzen der Maschinengeschwindigkeit
Trotz Lichtschranke verletzt
Auch das liest man immer wieder: Ein Mitarbeiter an der Produktionsanlage greift über eine Lichtschranke und wird durch ein bewegtes Maschinenteil verletzt. Lichtschranken erzeugen eine trügerische Sicherheit, wenn sie nicht korrekt installiert sind (Mindestabstand zur Gefahrenquelle, Verwendung mehrstrahliger Lichtschranken...).
Rechtliche Folgen
Was aber tun, wenn Ihre Mitarbeiter Sicherheitsgrenztaster oder andere Schutzeinrichtungen so verändern, dass an laufenden Maschinen hantiert werden kann? Wegsehen oder gar Dulden ist keine Lösung: Sowohl dem Verursacher als auch dem Vorgesetzten drohen rechtliche Konsequenzen, vom Verletzungsrisiko ganz zu schweigen.
Was also tun?
Es steht außer Frage, dass Manipulationen an Sicherheitsschaltern von vornherein verhindert werden müssen.
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Möglichkeit 1: Unterweisung
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Möglichkeit 2: Kooperation
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Möglichkeit 3: Modifikation
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Möglichkeit 4: Wer nicht hören will…
Sprechen Sie mit Ihren Leuten. Machen Sie die Notwendigkeit der Schutzvorrichtungen deutlich. Meist ist gar keine böse Absicht im Spiel, sondern Leichtfertigkeit. Oder ein Missverständnis: Je nach Baujahr der Maschine können unterschiedliche Schutzkonzepte bestehen. Der entsprechende Umgang muss genau erklärt werden: Welche Gefahren bestehen? Was sind die Sicherheitsfunktionen? Welche Restrisiken bleiben?
Nehmen Sie mit dem Hersteller Kontakt auf. Erläutern Sie das Problem vor Ort, am besten zusammen mit Ihren Mitarbeitern. Vielleicht lässt sich das Schutzkonzept zum allgemeinen Vorteil abändern.
Ein Rat der BG Lederindustrie: Wenn Mitarbeiter mit einer Schutzeinrichtung partout „nicht arbeiten können“, kann sie eventuell modifiziert werden. Zum Beispiel durch Tippbetrieb mit reduzierter Geschwindigkeit bei geöffneter Schutzeinrichtung. Aber Vorsicht, auch hier kann viel schiefgehen.
Verwenden Sie einfach nicht-manipulierbare Systeme: An codierten oder in Scharniere/Gelenke integrierten Schaltern beißt sich Ihr Personal die Zähne aus ‒ besser, als ein paar Finger zu verlieren…
Infoblätter und Checklisten
Im Jahr 2006 wurde eine integrative berufsgenossenschaftliche Studie zum Thema „Manipulation von Schutzeinrichtungen an Maschinen“ realisiert. Die wichtigsten Ergebnisse finden Sie in diesem BGIA-Report. Dazu gibt es ein praktisches Bewertungsschema.
Auch eine Fachtagung hat man inzwischen veranstaltet; die dort gewonnen Erkenntnisse wurden Ende 2007 in einem neuen Informationsblatt verarbeitet. Es stellt vor allem technische Maßnahmen vor, die ‒ bei geeigneter betrieblicher Organisation ‒ Manipulationshandlungen verhindern sollen.
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Fazit
Es passiert viel zu oft, die Beweggründe können beim Hersteller und beim Betreiber liegen. Auch mangelnde Kommunikation zwischen allen Beteiligten kann Manipulationen begünstigen. Da sind Sie gefragt ‒ eine Unterweisung hat oberste Priorität und kann schon viel bewirken.
Christine Lendt, Fachjournalistin






