Steharbeit
Warum Arbeiten im Stehen so belastet
Andauerndes Arbeiten im Stehen hat nicht selten irreversible Gesundheitsschäden zur Folge. Eine gute Bestandsaufnahme zur Situation im Einzelfall ermöglicht eine Handlungsanleitung zur Beurteilung der Arbeitsbedingungen, die der LASi veröffentlicht hat.
Permanentes Arbeiten im Stehen ist beispielweise an Maschinen nötig, die fortlaufend mit dem gleichen Werkstück gefüttert werden müssen.
Jeder zweite Beschäftigte in Deutschland muss oft oder ausschließlich bei der Arbeit stehen. Fast 15 Prozent aller Erwerbstätigen empfinden Steharbeit als belastend bis schmerzhaft. Und das in allen Berufsgruppen. Andauerndes Arbeiten im Stehen ist aber genau definitiv, und die Belastungen und Gesundheitsrisiken sind in den enger definierten Jobs noch erheblich höher.
Was ist Steharbeit?
Laut dem Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik (LASi) ist 'andauernde Steharbeit' Arbeiten im Stehen, ohne Möglichkeiten sich auch nur 20 cm vorwärts, rückwärts oder seitwärts bewegen zu können oder ohne jede Möglichkeit, wenigstens zeitweise sitzen oder gehen zu können.
Allgemein fallen unter den Begriff Steharbeit alle Arbeiten ohne Chance auf wenigstens kleine Körperhaltungsänderungen. Solche Arbeitsplätze sind zum Beispiel in vielen Industrien an Maschinen zu finden, die fortlaufend mit dem gleichen Werkstück gefüttert werden müssen. Doch andauernde Steharbeit sind nur die Extremfälle, in vielen Berufe müssen einfach oft Arbeiten im Stehen erledigt werden.
Wie hoch der Anteil der Arbeiten im Stehen an der täglichen Arbeit ist, variiert von Tätigkeit zu Tätigkeit, in manchen Berufen auch von Tag zu Tag. Für das Jahr 2006 gibt es aus Umfragen zur individuellen Belastung diese Zahlen: Von 39,1 Mio. Erwerbstätigen fühlten sich rund 22,1 Mio. Erwerbstätige „in besonderen Maße“ von der Arbeit im Stehen betroffen. Von diesen wiederum empfanden ca. 5,7 Mio. Erwerbstätige die Arbeiten im Stehen als direkt stark belastend. Fast sechs Millionen Menschen – das ist kein Minderheitenproblem. Interessant am Rande: Weder eine Aufteilung in die Gruppen Männer und Frauen, noch eine altersmäßige Aufteilung in über bzw. unter 45-jährige ergab signifikante Unterschiede.
Arbeiten im Stehen - starke Beanspruchung
Doch sind die Berufsgruppen unterschiedlich stark betroffen. Bau-, Fertigungs- und Dienstleistungsberufe sind erheblich öfter von Steharbeit betroffen als etwa Verwaltungs- und Technische Berufe.
Doch welche gesundheitliche Risiken birgt permanentes Arbeiten im Stehen? Das Muskel- und Skelettsystem der Beine und des Rumpfes wird falsch beansprucht. Man stelle sich den Ausdruck „sich die Beine in den Bauch stehen“ nur bildlich vor, schon kann man erahnen, wie schmerzhaft zu langes Stehen sein kann. Außerdem ist der Energieverbrauch höher als im Sitzen, d.h. der ganze Kreislauf muss sich mehr anstrengen, um den Körper in der Balance zu halten.
Beuge- und Streckmuskeln können nicht angespannt und entspannt werden, sondern die großen Muskelgruppen bleiben permanent angespannt. Auch Bänder, Sehnen und Gelenke werden einseitig statisch belastet. Schlechte Durchblutung, Stoffwechselstörungen, Muskelverhärtungen, Muskelkrämpfe und Ermüdung sind die Folgen.
Diese Symptome betreffen auch die Wirbelsäule, insbesondere die Bandscheiben. Schmerzen in Rücken, Nacken und Schultern belasten und verändern den gesamten Bewegungsapparat. Ebenso können Gelenkschäden auftreten, besonders in Hüfte, Knien und Füßen. Viele Schäden können dann nur noch mit moderner Orthopädietechnik gemildert werden.
Die Kreislaufbelastung macht sich vor allem durch Schädigung der Blutbahnen bemerkbar. Krampfadern, Thrombosen, Venenentzündungen oder schlecht heilende Geschwüre an den Beinen treten dann auf. Insgesamt muss der Kreislauf so stark gegen die unnatürliche Belastung arbeiten, dass es zu Herzklopfen, Blutdruckschwankungen und Schwindel bis hin zu Ohnmacht kommen kann.
Bestandsaufnahme per Fragebogen
Grundsätzlich müssen Gefährdungen am Arbeitsplatz erkannt, beschrieben und weitgehend ausgeräumt werden. Das gilt auch für die Steharbeit. Bewegungsmöglichkeiten müssen geschaffen werden. Wo sich Steharbeit von mehr als vier Stunden tatsächlich nicht vermeiden lässt, müssen Fußböden wärmegedämmt sein und mit einem elastischem Fußbelag belegt sein. Viele Maßnahmen sind möglich, alles hilft, was die einseitige Beanspruchung unterbricht. Ein häufiger Wechsel zwischen sitzender und stehender Haltung ist zum Beispiel durch höhenverstellbare Sitzgelegenheiten oder Arbeitstische denkbar.
Schon bei der Arbeitsplanung sollte schon auf eine „gemischte“ Belastung geachtet werden. Pausen können intelligent eingeteilt und genutzt werden. Sowohl zeitlich, um für Unterbrechungen zu sorgen, als auch bewegungsfördernd durch besondere Anreize. Für Arbeitgeber geht es auch darum, die eigenen Fachkräfte fit zu halten. Die Förderung von gesundheitserhaltenden Maßnahmen wie Rückenschule und anderen Fitnessprogrammen zahlt sich nicht nur für das Wohlbefinden des Einzelnen aus, sondern auch rein wirtschaftlich für jede Firma.
Eine gute Bestandsaufnahme zur Situation im Einzelfall ermöglicht ein Fragebogen, den der LASi in der „LV 50 Bewegungsergonomische Gestaltung von andauernder Steharbeit“ veröffentlicht hat. Mit einer anonymen Befragung wird schnell klar, wie hoch die Belastung an den Arbeitsplätzen des eigenen Betriebs ist, und damit auch, wie man gegensteuern kann.
Christiane Deppe ist Fachjournalistin






