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Gefährdungsbeurteilung: Erst denken, dann handeln

Die Preisträger des Europäischen Wettbewerbs zur Gefährdungsbeurteilung wurden jetzt bekannt gegeben. Zu den acht Gewinnern des Good Practice Awards gehören Mars Lietuva aus Litauen, Visteon Autopal aus Tschechien und Corus Tubes aus den Niederlanden. Die Preisträger stellten in Prag vor, mit welchen Mitteln sie Gefährdungsbeurteilungen in ihren Betrieben zu einer Selbstverständlichkeit und dadurch erfolgreich gemacht haben.

EU-Kampagne zur Gefährdungsbeurteilung: Die Gewinner

EU-Kampagne zur Gefährdungsbeurteilung: Die Gewinner

European Good Practice Award 2008/2009
Gefährdungsbeurteilung: Erst denken, dann handeln
Am 27. April 2009 wurden die Preisträger des Europäischen Wettbewerbs zur Gefährdungsbeurteilung bekannt gegeben. Zu den acht Gewinnern des Good Practice Awards gehören Mars Lietuva aus Litauen, Visteon Autopal aus Tschechien und Corus Tubes aus den Niederlanden. Die Preisträger stellten in Prag vor, mit welchen Mitteln sie Gefährdungsbeurteilungen in ihren Betrieben zu einer Selbstverständlichkeit und dadurch erfolgreich gemacht haben.

Gefährdungsbeurteilungen gelten als zu komplex

Die Europäische Kampagne der European Agency for Safety and Health at Work (EU-OSHA) 2008/2009 hat sich einer zentralen Herausforderung im Arbeitsschutz angenommen: Wie können Gefahren am Arbeitsplatz noch besser wahrgenommen und beseitigt werden? Das dafür zur Verfügung stehende Instrument der Gefährdungsbeurteilung bietet seine Hilfe an, doch Gefährdungsbeurteilungen gelten in vielen Betrieben als zu komplex oder sie sind sogar als vorgeschriebene Arbeitsschutzmaßnahme völlig unbekannt.

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Aufklärung zur Gefährdungsbeurteilung dringend notwendig

Gefährdungsbeurteilungen sind jedoch der erste wichtige Schritt, um arbeitsbedingte Unfälle und Erkrankungen verhindern zu können, indem die jeweils am konkreten Arbeitsplatz bestehenden Risiken betrachtet werden. Eine Aufklärung über die Notwendigkeit von Gefährdungsbeurteilungen ist dringend, denn Schätzungen von EUROSTAT zufolge sterben in der EU jedes Jahr 5720 Menschen bei Unfällen am Arbeitsplatz.

Von guten Praxisbeispielen lernen

Damit die Gefährdungsbeurteilung in den europäischen Betrieben wirklich Einzug hält, reicht eine gesetzliche Verpflichtung leider nicht aus. Wesentlich motivierender und hilfreicher sind Praxisbeispiele, die ganz konkret zeigen, wie man mit dem Instrument Gefährdungsbeurteilung im betrieblichen Alltag erfolgreich umgehen kann. So ist auch eines der Ziele der Europäischen Kampagne, die von vielen gefühlte Komplexität und Bürokratie bei der Gefährdungsbeurteilung zu durchbrechen und zu zeigen, dass es auch ganz einfach sein kann, Risiken zu erkennen, sie zu verhindern oder aber Gegenmaßnahmen zu greifen. Das beweisen die Preisträger des European Good Practice Award 2008/2009.

Mars Lietuva aus Litauen: Programm zur Steigerung des Risikobewusstseins

90.000 Tonnen Tierfutter werden jährlich bei Mars Lietuva produziert. Die rund 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden im Vier-Schicht-Betrieb eingesetzt, die Maschinen laufen rund um die Uhr. Vor Beginn des Programms zur Steigerung des Risikobewusstseins kamen von den Beschäftigten nur selten pro-aktive Hinweise auf Unfallgefahren, zudem wurden die Gegenmaßnahmen nicht immer zeitnah umgesetzt. Der Preisträger Mars Lietuva bot deshalb für die Beschäftigten Sicherheitsschulungen an, um das Risikobewusstsein zu stärken. Weiterhin wurde ein internes Meldesystem für entdeckte Unfallgefahren aufgebaut.

Feedback und Follow-Up sind wichtig

Zweimal im Monat finden zweistündige Sicherheitsbesprechungen und Begehungen statt, die jeweils auf Gruppen von zwölf Mitarbeitern beschränkt werden. Zu jedem Verbesserungsvorschlag zur Vermeidung von Unfällen wird ein Feedback gegeben, für jede Maßnahme gibt es ein Follow-Up. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Seit 2007 sind über 130 Verbesserungen im Arbeitsschutz vorgenommen worden, die auf Mitarbeiterhinweisen beruhen. Weitere 2.000 Gegenmaßnahmen sind die Früchte der regelmäßigen Begehungen.

Visteon Autopal aus Tschechien : Visualisierung der Risiken im Fahrzeugbau

22 Automobilbauer werden von Visteon Autopal aus Tschechien mit Beleuchtungselementen beliefert. Die körperlichen Belastungen durch immer wiederkehrende Hand- und Armbewegungen sind hoch. Deshalb wurden gemeinsam mit dem jeweils für einen Produktionsabschnitt verantwortlichen Mitarbeiter Workshops durchgeführt, um die dort feststellbaren Risiken und Belastungen zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu definieren. Zu den Workshop-Methoden gehört auch Brainstorming durch die Teilnehmer, um ein möglichst umfassendes Bild zu erhalten.

Standardisierung ist hilfreich

Für jedes gefundene Risiko wurde ein eigenes Dokument erstellt, so dass es für jeden Produktionsteil am Ende des Workshops eine individuelle Dokumentation der erkannten Gefahren im Bereich Sicherheit, Gesundheit und Ergonomie gab. Vorbeugende Maßnahmen wurden darin ebenso beschrieben wie deren notwendige Häufigkeit.

Für wichtige Abläufe gibt es nun Prozessbeschreibungen unter Einsatz von Bildern und Grafiken. Die visuell aufbereiteten Gefahrendokumentationen stehen im Intranet des Preisträgers abrufbereit. Entscheidend für den Erfolg bei den Gefährdungsbeurteilungen war dabei der Aufbau eines eigenen standardisierten Systems zur Identifizierung und Begegnung der individuellen Risiken.

Corus Tubes aus den Niederlanden: Mit Risk Cards zur Gefährdungsbeurteilung

Die Produktion von Stahlröhren und Bauteilen für den Stahlbau ist nach der Erfahrung von Corus Tubes mit hohen Risiken verbunden. Trotz der regelmäßigen Gruppentreffen, bei denen auch Arbeitsschutzthemen besprochen werden, den sogenannten Toolbox Talks, war es für die Beschäftigten nicht einfach, mögliche Unfallgefahren richtig einzuschätzen. Deshalb wurden spezielle Risk Cards eingeführt, um die Gefährdungsbeurteilung anschaulicher und einfacher zu machen. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter hat nun eine handliche Karte, um ein entdecktes Risiko einstufen zu können.

Einfache Methoden kommen an

Die beidseitig bedruckten Risikokarten zeigen auf der einen Seite eine Matrix, die die Unfallwahrscheinlichkeit und die möglichen Unfallfolgen miteinander verknüpft. Aus der Einstufung der Eintrittswahrscheinlichkeit für einen Unfall (wie nahezu unmöglich, möglich, Unfall ist zu erwarten) und der Schwere der möglichen Unfallfolgen (wie Erste Hilfe erforderlich, größere Verletzung, gefährliche Verletzung) ergibt sich eine Bewertung des entdeckten Risikos. Auf der Rückseite der Risk Card steht dann zu der jeweils gefundenen Risikobewertung die notwendige Maßnahme (wie Gegenmaßnahme erforderlich, Vorgesetzten informieren). Die Methode wird gerne angenommen getreu dem Motto „Erst denken, dann handeln“, die Mitarbeiterzufriedenheit ist gestiegen, was sich auch an den sinkenden durchschnittlichen Krankheitstagen bei Corus Tubes um 3,8 Prozent in 2008 zeigt.

Selbst aktiv werden

Jukka Takala, Direktor der EU-OSHA, über die prämierten Teilnehmer:"Sie zeigen, dass die Gefährdungsbeurteilung nicht zwangsläufig eine komplizierte, bürokratische Angelegenheit oder eine Sache ausschließlich für Experten ist.“

Nun ist es an den anderen Betrieben und Organisationen in Europa, diese und andere erfolgreiche Praxisbeispiele selbst umzusetzen, um der Gefährdungsbeurteilung zu mehr Bekanntheit und Praxisnähe zu verhelfen. Erprobte Beispiele zeigen nun den Weg.

Oliver Schonschek, Diplom-Physiker und Fachjournalist

Veröffentlicht:
2009-04-28

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