Document Actions

Interview

Moderierte Gefährdungsbeurteilung

Das Arbeitsschutz-Projekt zur Ambulanten Pflege trägt Früchte, die auch für FaSis anderer Branchen interessant sind: Gefährdungsbeurteilung und Unterweisung wurden vom behördlichen Mief befreit, die Mitarbeiter kommen zu Wort ‒ und hören wieder gerne zu. Ein Interview mit Diplom-Biologe Wolfgang Säckl, Organisationsberater und Fachkraft für Arbeitssicherheit.

Wolfgang Säckl

Wolfgang Säckl

SIFATipp: Herr Säckl, Sie haben im Rahmen des Projektes die „moderierte Gefährdungsbeurteilung“ kennengelernt. Was ist das?

Säckl: Die moderierte Gefährdungsbeurteilung ist eine spezielle Form der Mitarbeiter-Besprechung, um herauszufinden, wo der Schuh drückt. Es geht dabei um die Frage: Was belastet uns bei der Arbeit?

SIFATipp: Braucht man dafür eine spezielle Ausbildung?

Säckl: Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege hat großes Interesse daran, dass die guten Ergebnisse des Pilotprojekts „Arbeitsschutz in der Ambulanten Pflege“ jetzt in die Fläche kommen. Deshalb bildet sie Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit zu Multiplikatoren aus. Ich nehme derzeit an einer sogenannten Praxisbegleitung teil, das ist eine Mischung aus Weiterbildung und Erfahrungsaustausch. Dabei bekommt man auch das Handwerkszeug vermittelt.

Mehr zum Thema Gefährdungsbeurteilung

 

SIFATipp: Was für Voraussetzungen mussten Sie dafür mitbringen?

Säckl: Ich war schon mittendrin in der Materie, weil ich von der Beratungsseite komme. Betriebliche Gesundheitsförderung war bereits mein großer Schwerpunkt. Dann habe ich extra die Ausbildung zur FaSi gemacht, um den Weg als Multiplikator gehen zu können.

 

SIFATipp: Dann sind Sie gleich mit der moderierten Gefährdungsbeurteilung eingestiegen und haben die herkömmlichen Methode gar nicht erst angewendet?

Säckl: Das ist richtig. Ich kann aber vergleichen, weil ich von den Unternehmen einiges höre. Die Zufriedenheit mit der herkömmlichen Betreuung ist oft nicht sehr groß.

SIFATipp: Lag es an den zuständigen Fachkräften für Arbeitssicherheit?

Säckl: Es lag zumindest an der Methode. Sie ging an den Bedürfnissen vorbei. Auf dem klassischen Weg kommt eine FaSi nicht dahin, sie checkt vielleicht die Fluchtwege und den Bildschirm im Büro, bekommt aber wenig von den tatsächlichen Belastungen der Pflegekräfte mit. Was den Mitarbeitern schlaflose Nächte bereitet, ist nicht eine mangelhafte Kennzeichnung der Feuerlöscher, sondern zum Beispiel fehlende Kommunikation bei der Terminplanung oder ein Konflikt mit Patienten.

SIFATipp: Also geht es um die speziellen Belastungen der Pflegebranche?

Säckl: Nicht nur, der Komplex psychische Belastungen lässt sich doch auf viele Branchen übertragen. Im Handel, bei Dienstleistungen aller Art, wann immer Kundenkontakt eine Rolle spielt sind sie ein Thema. Aber auch intern: Probleme mit Mitarbeitern, Vorgesetzten… Da kommt man mit Checklisten nicht weiter. Natürlich müssen die allgemeinen Sicherheitsstandards trotzdem eingehalten und kontrolliert werden.

SIFATipp: Aber eine gewissenhafte FaSi wird doch auch bei der herkömmlichen Methode Gespräche führen und nicht nur kommentarlos ihre Listen abhaken?

Säckl: Sicher, das bestätigt die Arbeitsweise vieler Kollegen. Aber die Struktur der moderierten Gefährdungsbeurteilung macht die Sache einfacher: Es bleibt nicht bei ergebnislosem Jammern, sondern man hat ein Instrument zur Hand, mit dem Probleme auf konstruktive Weise erfasst werden können. Wir arbeiten nach einem speziellen Manual, also einer Art Leitfaden. Dabei kristallisieren sich Prioritäten heraus, die konkrete Ansätze für Lösungen bieten.

SIFATipp: Ähnlich verhält es sich bei der „Unterweisung im Dialog“, die auch im Rahmen des Projekts entwickelt wurde.

Säckl: So ist es. Ehrlich gesagt, sind Unterweisungen doch oft todlangweilige Pflichtveranstaltungen, bei denen mitunter die FaSi selbst ins Gähnen kommt. Da bleibt bei den Mitarbeitern nichts hängen. Die Unterweisung im Dialog aber ist keine Frontalgeschichte. Wir hören erst einmal selbst dem Pflegepersonal zu, fragen zum Beispiel: Welche Art von Infektionsschutz praktiziert Ihr schon? Dann entwickeln sich Gespräche, man knüpft also da an, wo die Leute bereits stehen. Und je nachdem, ob es alte Hasen oder Praktikanten sind, kann das sehr unterschiedlich aussehen. Man muss sich das Thema durch Fragen erschließen, anstatt Standardvorträge zu halten.

Die Fragen stellte Christine Lendt, Fachautorin

 

Veröffentlicht:
2008-12-03

Diesen Artikel bookmarken bei...
Mister Wong del.icio.us Folkd Furl Google Linkarena oneview Yahoo MyWeb BlinkList YiGG Webnews

Vorteile für registrierte Nutzer
Als registrierter Benutzer von SIFATipp profitieren Sie von vielen Vorteilen:
  • Vorlagen, Checklisten, Arbeitsmitteldatenblätter zum Download
  • uneingeschränkte Nutzung des Bilderpools
  • Teilnahmemöglichkeit an Gewinnspielen
  • Vollen Zugriff auf die Rechtsvorschriften

Die Registrierung dauert nur einen Moment und Sie können im Anschluss sofort alle Vorteile nutzen.

jetzt registrieren…