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Ausschuss für Gefahrstoffe

BGR 217 in TRGS 559 "Mineralischer Staub" überführt

Der Ausschuss für Gefahrstoffe, der sich 2009 neu konstituiert hat, hat im November die ersten wesentlichen Beschlüsse der neuen Amtszeit gefasst. Sie betreffen unter anderem die GHS-Verordnung, einen Fragen-Antwort-Katalog zu REACH im Arbeitsschutz und die TRGS 559 "Mineralischer Staub".

Die BGR 217 „Umgang mit mineralischem Staub" wurde in die TRGS 559 „Mineralischer Staub“ überführt

Die BGR 217 „Umgang mit mineralischem Staub" wurde in die TRGS 559 „Mineralischer Staub“ überführt

Der Ausschuss für Gefahrstoffe (AGS) hat sich 2009 neu konstituiert und ist in seine zweite Legislaturperiode unter der Gefahrstoffverordnung von 2005 eingetreten. Am 9. und 10. November 2009 fand die zweite Sitzung in neuer Zusammensetzung statt, in der erste wesentliche Beschlüsse dieser Amtszeit gefasst wurden.

TRGS 559 „Mineralischer Staub“

Der bemerkenswerteste Beschluss der aktuellen Sitzung war wohl die Verabschiedung der TRGS 559 „Mineralischer Staub". Nach jahrelangen kontroversen Diskussionen wurde die bisherige BGR 217 "Umgang mit mineralischem Staub" des Berufsgenossenschaftlichen Fachausschusses „Steine und Erden" in eine TRGS überführt.

Die Herkunft dieser Regelungen - nämlich aus dem Kooperationsmodell zwischen staatlichen Institutionen und Berufsgenossenschaften - war auch eine wesentliche Ursache für die langen Verzögerungen, bis diese Regel nunmehr endlich verabschiedet werden konnte. Bis zuletzt gab es im AGS von Seiten einiger Bundesländer und anderer Interessengruppen aus grundsätzlichen Erwägungen heraus heftigen Widerstand dagegen, dem Arbeitsergebnis eines Berufsgenossenschaftlichen Fachausschusses durch Übernahme in das staatliche Regelwerk die „höheren Weihen" der Vermutungswirkung zu verleihen.

Allerdings gab es auch inhaltliche Bedenken: Seit vielen Jahren wird heftig darüber diskutiert, ab welchen Konzentrationen Quarzfeinstaub als wesentlicher Bestandteil der meisten mineralischen Stäube Lungenkrebserkrankungen auslösen kann.

Hier gibt es zwei „Schulen": die eine Gruppe geht - analog zum geltenden Berufskrankheitenrecht - davon aus, dass Lungenkrebs durch Quarzfeinstaub lediglich auf der Grundlage einer manifesten Silikoseerkrankung entstehen kann. Als Arbeitsplatzgrenzwerte gegen  Silikose galt viele jahrelang ein Wert von 0,15 mg/m³. auch wenn in dieser Wert vielleicht etwas zu hoch ist - aktuell diskutiert werden hier 0,075 bis 0,1 Milligramm/m ³ - wäre dies für diese Gruppe auch ein geeigneter Schwellenwert für den Ausschluss von Lungenkrebserkrankungen.

Die andere Gruppe bezieht sich auf Lungenkrebserkrankungen bei einigen Patienten, die kurze Zeit sehr hohen Quarzstaubkonzentrationen ausgesetzt waren. Daraus wurde dann eine Dosis berechnet, die bei Verteilung über ein gesamtes Arbeitsleben (etwa 40 Jahre) zu Durchschnittskonzentrationen deutlich unter den vorstehend genannten werten führen würden. Kritiker an dieser Berechnung weisen darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit von Lungenkrebs durch Quarz bei sehr hohen Expositionen nicht linear sondern überdurchschnittlich proportional (xn mit n ≈ 1,4) ansteigt und die berechneten Risikozahlen somit zu nicht sachgerechten Ergebnissen führen würden.

Da sich der Ausschuss für Gefahrstoffe bisher nicht auf eine Expositions-Risiko-Beziehung (ERB) für Quarzfeinstaub einigen konnte, stehen für eine TRGS somit derzeit keine belastbaren Zahlen für eine Arbeitsplatzkonzentration zur Verfügung, bei der das Risiko von Krebserkrankungen entsprechend dem vor zwei Jahren beschlossenen Risikokonzept (Akzeptanzrisiko, Toleranzrisiko) hinreichend reduziert ist.

In der neuen TRGS 559 werden daher nur Schutzmaßnahmen nach dem Stand der Technik beschrieben, für deren Einhaltung der Arbeitgeber zu sorgen hat. Naturgemäß gibt es hier unterschiedliche Auffassungen, ob die getroffenen Maßnahmen als ausreichend angesehen werden sollen oder nicht. Sobald sich der AGS auf eine Expositions-Risiko-Beziehung (ERB) für Quarzfeinstaub verständigt hat, muss diese TRGS dann „nachjustiert" werden.

Leitfaden GHS-Verordnung

Von großer praktischer Bedeutung ist auch der Leitfaden zu den Auswirkungen der GHS-Verordnung auf den Arbeitsschutz, der dem Arbeitgeber während der Übergangszeit von der bisherigen zur neuen Kennzeichnung Hilfestellung bei der Anwendung der GHS-Regelungen geben soll.

Danach muss der Arbeitgeber bei der Lieferung von Produkten mit der neuen GHS-Kennzeichnung das mitgelieferte Sicherheitsdatenblatt prüfen und

  • formale GHS-Anpassungen (z.B. Übernahme von Kennzeichnungen aus Anhang VI Nr. 3.2 der CLP-Verordnung) in die eigenen Dokumente wie z.B. Gefährdungsbeurteilungen und Betriebsanweisungen übernehmen und
  • inhaltliche Änderungen und/oder Ergänzungen der bisher bestehenden Einstufung fachlich prüfen (bei nicht ausreichender eigener Expertise ist hier möglicherweise externe Beratung angezeigt) und sodann in die eigenen Dokumente übernehmen und geeignete Schutzmaßnahmen festlegen.

Dies bedeutet also, dass bei der Lieferung von chemischen Produkten mit GHS-Kennzeichnung Betriebsanweisungen entsprechend umgestellt werden müssen. Für die Kennzeichnung eigener Produkte sollte eine möglichst kurze Übergangszeit für die Umstellung der Kennzeichnung angestrebt werden. Lieferanten und Anwender von Gefahrstoffen sollten eine parallele Kennzeichnung nach bisherigem EG-Recht und GHS nach Möglichkeit vermeiden.

Für die innerbetriebliche Kennzeichnung empfiehlt der Leitfaden eine Kennzeichnung wie bisher mit

  • Stoffnamen,
  • Piktogrammen (gegenüber den Kennzeichnungsetikett kann die Anzahl möglicherweise reduziert werden, insbesondere z.B. auf Rohrleitungen),
  • Signalwort (Gefahr / Achtung),
  • keine H-Sätze, keine P-Sätze.


Fragen-Antwort-Katalog zu REACH im Arbeitsschutz

Im AGS wurde ein umfangreicher Fragen-Antwort-Katalog zur Nutzung der neuen Informationen für den Arbeitsschutz erarbeitet, die sich aus der REACH-Verordnung ergeben (werden). Dieser Katalog wird als Bekanntmachung des BMAS zu Gefahrstoffen (BekGS) veröffentlicht. Der Katalog behandelt folgende Themen:

  • Sicherheitsdatenblatt als zentrales Instrument der Informationsübermittlung
  • Informationen des erweiterten Sicherheitsdatenblattes (eSDB) für den Arbeitsschutz: Gefährdungsbeurteilung und Ableitung von Schutzmaßnahmen
  • Verhältnis DNEL (Derived No-Effect-Levels = abgeleitete Konzentrationen ohne [schädliche] Wirkungen) zu AGW (Arbeitsplatzgrenzwerte)
  • Risikomanagementmaßnahmen gemäß Sicherheitsdatenblatt und Schutzmaßnahmen gemäß Gefährdungsbeurteilung
  • sonstige Informationen unter REACH
  • Zulassung, Substitution, Beschränkungen.

Dieser Katalog enthält zwei Anlagen:

  • Anlage 1: Abkürzungen und Begriffe
  • Anlage 2: Checkliste zur Anwendung mitgelieferter Gefährdungsbeurteilungen.

Werte für Akzeptanz- und Toleranz-Risiko 

Die Liste mit den Akzeptanz- und Toleranz-Risiken in der Bekanntmachung 910 „Risikowerte und Expositions-Risiko-Beziehungen für Tätigkeiten mit krebserzeugenden Gefahrstoffen"  wurde ergänzt und enthält jetzt folgende Angaben:

Neues aus dem AGS
 
 

Fußnote (1): nach dem Stand der Technik kann der Akzeptanzwert unterschritten werden (früherer TRK-Wert für Acrylarmid = 0,06 bzw. 0,03 mg/m³); da das „Verschlechterungsverbot" zu beachten ist, ist der Toleranzwert ohne praktische Bedeutung.


Neue Arbeitsplatzgrenzwerte

Als neuer Arbeitsplatzgrenzwerte (AGW) zur Aufnahme in die TRGS 900 wurde für Glutaraldehyd (CAS 111-30-8) ein Wert von 0,2 mg/m³ (0,05 ml/m³) bei einem Überschreitungsfaktor 2 (Kategorie I - lokal wirkende Stoffe) - aufgenommen.

Für Acetaldehyd (CAS 75-07-0) wurde die Anmerkung „Y" für Stoffe vergeben, bei denen ein Risiko der Fruchtschädigung bei Einhaltung des Arbeitsplatzgrenzwertes und des biologischen Grenzwertes (BGW) nicht befürchtet zu werden braucht. Die Bemerkung „Z" für Stoffe, für die ein Risiko der Fruchtschädigung auch bei Einhaltung des AGW und des BGW nicht ausgeschlossen werden kann, erhielten Cyanamid (CAS 420-04-2) und 1,3-Dioxolan (CAS 646-06-0; bisher Anmerkung „Y"!).

TRGS 524 „Tätigkeiten in kontaminierten Bereichen“

Die TRGS 524 "Schutzmaßnahmen für Tätigkeiten in kontaminierten Bereichen"  wurde neu gefasst, indem die bisherige BG-Regel „Kontaminierte Bereiche" (BGR 218) des  Berufsgenossenschaftlichen Fachausschusses Tiefbau als TRGS in das staatliche Regelwerk übernommen wurde. Hier gab es wegen der „Herkunft" allerdings weniger Diskussionen, möglicherweise weil das Thema weniger „skandalträchtig" ist als mineralischer Staub.  

Ergänzung TRGS 402 „Ermitteln und Beurteilen der Gefährdungen bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen" 

Die TRGS 402 „Ermitteln und Beurteilen der Gefährdungen bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen: Inhalative Exposition" wurde um eine Anlage ergänzt, in der jetzt die Akkreditierungsrichtlinien der Länder („Anforderungen an Messstellen, die Ermittlungen und Beurteilungen der Exposition durchführen, einschließlich der Anforderungen an die Berichterstattung", LV 2.2) enthalten sind,  da die Länder sich seit einiger Zeit aus diesem „Geschäft" zurückgezogen haben und die Anforderungskriterien nicht mehr weiter pflegen.

VSK „Textilrecycling"

Verfahrens- und stoffspezifische Kriterien (VSK) nach TRGS 420 sollen dem Arbeitgeber als Hilfe bei der Beurteilung von Arbeitsplätzen dienen, wenn dort Tätigkeiten mit Stoffen ausgeführt werden, für die es keine Arbeitsplatzgrenzwerte (AGW) gibt. Als neues VSK wurde jetzt das VSK „Textilrecycling" verabschiedet.  

Ausblick

Die nächste (46.) Sitzung des AGS soll am 4. und 5. Mai 2010 stattfinden. Folgende Themen werden dort voraussichtlich auf der Tagesordnung stehen:

Neue TRGS „Lagerung"

Alle bestehenden Vorschriften zur Lagerung von Gefahrstoffen in ortsbeweglichen Gebinden sollen in einer Regel zusammengefasst werden. Dies betrifft z.B. die bisherigen Technischen Regeln TRGS 514, TRGS 515, TRBS 2161, TRbF 20, Teile der TRG 280 bzw. TRBS 3145  sowie die Berufsgenossenschaftliche Unfallverhütungsvorschrift „Organische Peroxide" (BGV B 4).

In dieser neuen TRGS sollen Grundmaßnahmen zur Lagerung aller Gefahrstoffe wie z.B. ein übergreifendes Brandschutzkonzept sowie ergänzende Maßnahmen für spezielle Gefahrstoffe enthalten sein. Das VCI-Lagerkonzept für die Zusammenlagerung von Gefahrstoffen mit unterschiedlichen gefährlichen Eigenschaften soll in die TRGS integriert werden.

Außerdem soll die TRGS bereits die neuen Einstufungen und Kennzeichnungen nach der CLP-Verordnung (GHS) berücksichtigen.


TRGS 400 „Gefährdungsbeurteilung

Die TRGS 400 „Gefährdungsbeurteilung für Tätigkeiten mit Gefahrstoffen" soll ergänzt und aktualisiert werden; dies soll geschehen durch

  • Einbindung der Expositions-Risiko-Beziehungen (ERB),
    Berücksichtigung thermischer Gefährdungen und außergewöhnlicher Betriebzustände,
  • Berücksichtigung von zusätzlichen Informationen, die durch REACH gewonnen werden, wie z.B. Expositionsszenarien oder DNEL,
    Einbindung von GHS sowie
  • Anpassung an die bevorstehende Novelle der Gefahrstoffverordnung.


Neue TRGS 558 „Tätigkeiten mit Hochtemperaturwollen"

Auch die ebenfalls seit vielen Jahren in einer heftigen Diskussion gefangene TRGS 558 „Tätigkeiten mit Hochtemperaturwollen" soll nunmehr möglichst endlich zum Abschluss gebracht werden.

Diese TRGS soll bei Tätigkeiten mit als krebserzeugend eingestuften Hochtemperaturwollen (HTW), wie z.B. Aluminiumsilikatwollen (ASW) Anwendung finden. de TRGS ist nicht anzuwenden auf Tätigkeiten mit

  • polykristallinen Wollen (PCW),
  • Erdalkalisilikatwollen (AES) sowie mit
  • alten Mineralwolle-Dämmstoffen wie Glaswolle oder Steinwolle (diese Arbeiten sind in der TRGS 521 „Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten mit alter Mineralwolle" geregelt).


Zur Auswahl geeigneter Schutzmaßnahmen werden die geregelten Tätigkeiten in drei Expositionskategorien eingeteilt:

  • Expositionskategorie 1 enthält Schutzmaßnahmen bei geringer Faserexposition;
  • Expositionskategorie 2 enthält Schutzmaßnahmen bei geringer  bis mittlerer Faserexposition;
  • Expositionskategorie 3 enthält Schutzmaßnahmen bei höherer Faserexposition.


Was dabei als geringe, mittlere oder höhere Faserexposition gelten soll, wird sicherlich noch Anlass zu manchem Streit bieten.

Autor: Dr. Ulrich Welzbacher, Sankt Augustin

Veröffentlicht:
2009-12-07

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