Interview
Absturzsicherung: Risikobewusstsein muss gestärkt werden
Das Steigschutzsystem Söll Vi-Go von Sperian Protection wurde von der BSIF (British Safety Industry Federation) mit dem Preis für Produktinnovation ausgezeichnet. Die seilbasierte vertikale Absturzsicherung kann bei verschiedenen Arten von Leitern und für Höhen von bis zu 200 Metern eingesetzt werden. SIFATipp sprach mit Alexander Winkler, Product Management bei Sperian Fall Protection Deutschland, über Absturzsicherungen und die Besonderheiten der prämierten Persönlichen Schutzausrüstung.
Kennt sich aus mit dem Thema Absturzsicherung: Alexander Winkler
SIFATipp: Herr Winkler, Abstürze gehören zu den häufigsten Unfallursachen am Arbeitsplatz. Warum kommt es so häufig zu Abstürzen?
Alexander Winkler: Die Branchenerfahrung im Bereich Fallschutz zeigt, dass die meisten Abstürze durch ein mangelndes Risikobewusstsein verursacht werden. Bei den Höhenarbeitern kann die Routine ein falsches Sicherheitsgefühl wecken, nach dem Motto „Da bin ich doch schon so oft hochgestiegen, was soll schon passieren“. Aber auch die Sicherheitsingenieure sind von dem mangelnden Bewusstsein für das Risiko nicht immer ausgenommen.
SIFATipp: Werden deshalb vorhandene Sicherheitseinrichtungen gegen Abstürze mitunter nicht genutzt?
Alexander Winkler: Generell kann man sagen, dass ein vorhandenes Schutzsystem auch eingesetzt wird. Andernfalls könnten die Arbeiter und die Sicherheitsverantwortlichen auch zur Rechenschaft gezogen werden.
Dennoch kommt es auf den Tragekomfort der Schutzausrüstung an. Unpraktische Systeme, die die Bewegungsfreiheit einschränken, werden nicht gerne getragen, und wenn niemand hinsieht, vielleicht auch gar nicht genutzt. Hier sind die Anbieter von Absturzsicherungen gefordert, ergonomische Lösungen zu entwickeln.
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SIFATipp: Welche Arten von Absturzsicherung sind denn generell auf dem Markt verfügbar?
Alexander Winkler: Dazu könnte ich Ihnen einen abendfüllenden Vortrag halten. Im Prinzip lassen sich aber zwei Kategorien unterscheiden: Zum einen gibt es die Kollektive Sicherung wie die Schutznetze und die Geländer, zum anderen die Persönlichen Schutzausrüstungen (PSA), die von jedem einzelnen Nutzer getragen werden.
SIFATipp: Sie selbst sind Anbieter im Bereich PSA. Wann ist eher eine PSA sinnvoll und wann hat die Kollektive Sicherung ihre Vorteile?
Alexander Winkler: Das muss man jeweils vor Ort entscheiden. Es gibt Fälle, in denen zum Beispiel ein Geländer oder ein Netz technisch nicht sinnvoll ist oder aus ästhetischen Gründen nicht gewollt ist. Umgekehrt gibt es Baustellen, bei denen für längere Zeit 20 Arbeiter auf einem Dach beschäftigt sind und die Absturzsicherung über PSA nicht praktikabel erscheint. Die Wahl der Absturzsicherung hängt also insbesondere von der Häufigkeit der Arbeiten in großen Höhen und von der Anzahl der zu sichernden Mitarbeiter ab.
SIFATipp: Kommen wir nun zu Ihrem Steigschutzsystem Söll Vi-Go. Sie haben dafür den Preis BSIF 2008 erhalten. Wie ist es zu der Entwicklung gekommen?
Alexander Winkler: Basis der Entwicklung von Söll Vi-Go waren unsere schienenbasierten Steigschutzsysteme für den vertikalen Zugang. Doch eine Schiene ist nicht überall anwendbar und wird auch nicht immer benötigt. Wir haben deshalb ein System auf Kabel- oder Seilbasis konzipiert, bei dem unsere Erfahrung aus der Entwicklung der schienenbasierten Lösung eingeflossen sind.
SIFATipp: Was sind denn die Besonderheiten Ihres prämierten Systems?
Alexander Winkler: Da wäre zum einen das mitlaufende Auffangsystem. Wir haben den Läufer ergonomisch geformt und ermöglichen damit eine echte Ein-Hand-Bedienung. Bei anderen Systemen brauchen Sie zum Anschlagen beide Hände. Die einfache Bedienung von Söll Vi-Go führt zu einer höheren Akzeptanz bei den Benutzern.
Eine weitere Besonderheit ist der Falldämpfer selbst. Er befindet sich nicht wie bei anderen Systemen im Seil, sondern jeweils im Läufer. Dadurch erreichen wir eine höhere Kapazität des Sicherungssystems, denn die Belastung wird nicht alleine durch das Seil getragen. Mit unserer Lösung können deshalb bis zu acht Nutzer gleichzeitig gesichert werden.
Wichtig ist auch, dass das Edelstahl-Dämpfungselement im Läufer den von der Norm EN 353-1 geforderten Wert für die Begrenzung des auf den Nutzer wirkenden Fangstosses von 6 KN deutlich unterschreitet. Die geringere Kraft erhöht gleichzeitig die Zuverlässigkeit der Lösung.
SIFATipp: Wird auch die Bedienung für den einzelnen Nutzer sicherer?
Alexander Winkler: Ja, denn wir haben die Läufer mit einem Schutz gegen die Falschaufbringung versehen. Ein Steigschutzsystem hat ja immer eine definierte Laufrichtung. Wir vermeiden bei unserem System deshalb, dass die Läufer in umgekehrter Richtung aufgebracht werden.
Zudem kann jeder Benutzer den Falldämpfer im Läufer selbst kontrollieren. Befinden sich die Dämpfer im Seilsystem, ist dies nicht ohne weiteres für den Nutzer möglich.
Defekte Einzelkomponenten des Läufers können ausgetauscht werden, ohne das System komplett zu ersetzen. Unsere Servicemobile bieten deshalb neben der vorgeschriebenen jährlichen Überprüfung auch eine Instandsetzung an.
SIFATipp: Für welche Anwendungsfälle ist das seilbasierte System gedacht und wann empfiehlt sich eher eine schienenbasierte Lösung?
Alexander Winkler: Ein Unternehmen, das einen Steigschutz beschaffen möchte, sollte abwägen zwischen der Häufigkeit der Höhenarbeiten, der zu überwindenden Höhe und den Investitionskosten. Das Seilsystem ist kostengünstiger als die Schienenlösung, aber die Schiene bietet einen höheren Steigkomfort. So können Sie sich bei dem Schienensystem zum Beispiel durchaus auch zurücklehnen. Ist die Arbeitshöhe erreicht, sind die Benutzer von Schienensystemen in der Regel schneller wieder einsatzfähig, denn der Aufstieg war weniger anstrengend.
SIFATipp: Bieten Sie spezielle Lehrgänge für die Unterweisung an?
Alexander Winkler: In unserem Schulungszentrum an vier Standorten in Deutschland führen wir zahlreiche Lehrgänge durch, darunter den Grundlehrgang Sicheres Arbeiten und Rettungstechniken an hochgelegenen Arbeitsplätzen, eine Schulung über Erste Hilfe, aber auch Spezialschulungen zu Offshore-Steigen oder Steigen an Windkraftanlagen. Auf Wunsch bieten wir auch Schulungen vor Ort im Unternehmen an.
Zusätzlich leisten wir produktunabhängige Aufklärungsarbeit bei Veranstaltungen der Berufsgenossenschaften und auf Messen. Dabei geht es uns um die Stärkung des Risikobewusstseins bei den Höhenarbeitern und bei den Sicherheitsingenieuren.
SIFATipp: Wenn es doch einmal zum Absturz kommt: Welche Lösungen helfen bei der Rettung?
Alexander Winkler: Für die Erste Hilfe nach einem Absturz kann in der Regel das gleiche Sicherungssystem genutzt werden. Wir bieten aber auch spezielle Rettungsgeräte, die bei dem Abseilen des Verunfallten helfen. Unsere Rettungsgeräte werden eingesetzt bei Mobilfunknetzbetreibern, bei Werksfeuerwehren von Industriefirmen, aber auch bei Feuerwehr, THW und Bergwacht.
SIFATipp: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Winkler.
Die Fragen stellte Oliver Schonschek, Diplom-Physiker und Fachjournalist






